Unsere Systemische Schatzkiste: Gespräche mit der Gründerin Dr. Ulrike Jänicke
Willkommen bei den Wurzeln. Hier teilen wir etwas ganz Besonderes: persönliche Gespräche mit unserer Gründerin.
Über 30 Jahre systemische Arbeit prägen diesen kurzen Videos. Es geht um das, was wirklich zählt: Haltung, Herz und Handwerk. Wir zeigen Ihnen, wie alles begann, wie wir denken und wie Sie davon profitieren.
Tauchen Sie ein in die ABIS-Familie. Lassen Sie sich inspirieren.
Video 1: Die Geschichte des ABIS
Titel des Videos: Die Geschichte des ABIS
Unsere Gründerin nimmt Sie mit auf eine kleine Reise. Zurück an den Anfang. Mehr als 30 Jahre systemische Arbeit stecken im ABIS. Aber wie gründet man in der Wendezeit ein systemisches Institut? Es geht um Mut und um eine klare Vision. Es ist die Geschichte, die uns heute noch trägt. Die Faszination für systemisches Arbeiten
Tipp: Das ist unser Fundament. Sehen Sie, warum uns die systemische Idee so wichtig ist.
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Aus der Reihe Systemische Pioniere - ABIS
Dr. Ulrike Jänicke
Ich habe 1985 ein Buch geschenkt bekommen. Das in DDR geschmuggelt wurde, und das heißt Familie und seelische Krankheit. Und dieses Buch hat mich sehr fasziniert und ich habe so gedacht, das könnte sein, was mir gefehlt hat in meiner Arbeit als Psychiaterin im psychotherapeutischen klinischen Kontext der Psychiatrie.
Und ich habe mich ein bisschen beschäftigt was gar nicht so einfach war, weil an Literatur sind wir ganz schwer rangekommen. 1987 gab es einen Weltkongress in Prag Weltkongress der Familientherapeuten und dort durfte ich hinfahren, wurde delegiert von meiner Klinik und dort habe ich Tatsächlich das Strohfeuer was es vorher schon gab, ist so richtig entzündet worden, weil ich die ganzen Größen der Familientherapie der damaligen Zeit kennengelernt habe auf diesem Kongress.
Die 3000 Leute, die dort waren, die vielen Workshops. Und ich habe vor allem zwei dicke Bücher über Summaries bekommen und Adressen von Systemikern und Systemikerinnen. Und nach dem Kongress habe ich angefangen die Leute anzuschreiben Zu den Themen, die mich interessiert haben und viele haben mir ein Paper geschickt.
Helm Stierlin hat mir viele Arbeiten geschickt und Klaus Deißler hat mir auch die Arbeiten geschickt. Und ich habe dann gelesen studiert mich angestrengt die Dinge alle zu verstehen. Ich war Einzelkämpferin das war nicht ganz einfach, aber es war extrem spannend und inspirierend. Und ich konnte 1989 den Klaus Seißler und die Roswitha Schuck zum ersten Workshop an die Unihalle einladen dort wo ich gearbeitet habe.
Und nachdem ich also zwei Jahre theoretisches Literaturstudium hatte, sah ich die ersten Familientherapeuten oder systemische Therapeuten live arbeiten mit Familien aus unserem Kliniksalltag. Das war total spannend und ich erinnere mich noch an Sätze die im reflektierenden Team gefallen sind. Das war also ziemlich überwältigend.
Ich habe dann die Möglichkeit gehabt, nach der Wende die Ausbildung gemacht. Ich habe mich für den Klaus Deißler entschieden mit seinem Marburger Institut weil der Ansatz mir Sehr gefallen hat, nachdem ich auch am Helm-Stierlin-Institut sechs Wochen Praktikum machen konnte. Ich mich aber für diesen narrativen Ansatz von Harleen Anderson, der hat mich am meisten angesprochen.
Da hatte ich das Gefühl, der passt zu mir. Und ich habe dann gleich angefangen die Ausbildung zu machen und 1992 war ich fertig und habe angefangen mit einem Kollegen mich in den ersten Lehr- Geschichten zu üben und dann haben wir das Institut gegründet und seit 1992 sind wir auf dem Markt. Anfangs in einer kleinen Form natürlich, wir waren selber Neulinge, aber schon ganz gut zugange und so hat sich das ABIS entwickelt.
Video 2: Warum gibt es keine Blumensträuße in der systemischen Beratung?
Titel des Videos: Warum gibt es keine Blumensträuße mehr in der systemischen Beratung?
Unsere Gründerin nimmt Sie mit zu einer kleinen Erkenntnis aus über 30 Jahren systemischer Arbeit. Es geht um die Veranwortung für das Gelingen in der systemischen Beratung. Warum im systemischen Arbeiten keine Abschiedsgeschenke überreicht werden – und was das über Selbstwirksamkeit und die Rolle der beratenden Person aussagt – davon erzählt dieses Video auf eindrückliche Weise.
Es ist ein Einblick in das, was systemisches Arbeiten im Kern ausmacht: Klarheit, Wertschätzung und Vertrauen in die eigenen Ressourcen.
Tipp:
Wie steht es bei Ihnen? Bekommen Sie (noch) Abschiedsgeschenke?
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Aus der Reihe Systemische Pioniere - ABIS
Der Blumenstrauß
Dr. Ulrike Jänicke
Ich glaube, ich war in der Klinik anerkannt von den Patientinnen und Patienten. Ich glaube, viele mochten mich und brachten mir zum Abschluss einen Blumenstrauß oder damals auch einen kleinen Teddybär für meine Kinder mit – also ein kleines Abschiedsgeschenk aus Dankbarkeit.
Dann fiel mir wirklich auf, als ich systemisch gearbeitet habe, dass die Blumensträuße weniger wurden oder ganz ausfielen. Und dann habe ich natürlich überlegt: Woran liegt es? Bin ich schlechter geworden? Diese Fragen muss man sich ja schon auch stellen. Kommt die Arbeitsweise nicht so gut an?
Und eine Erklärung, die ich mir dann gegeben habe, die mir natürlich auch gut getan hat, war: Die Klient:innen kamen häufig zum Schluss und sagten: „Ich habe es gemacht.“
Und sie haben den Veränderungsimpuls nicht mehr auf mich übertragen – ich als Ärztin oder als Therapeutin war also nicht mehr diejenige, die so gut war, dass es ihnen jetzt besser geht –, sondern sie hatten das Gefühl, und so haben sie es auch artikuliert, dass sie es selber waren. Und da dachte ich mir: Was für ein Geschenk. Zehnmal mehr wert als jeder Blumenstrauß, jeder Teddybär oder jede Flasche Wein.
Zitate Dr. Ulrike Jänicke zum Thema Blumensträuße und Selbstwirksamkeit in der systemischen Beratung
„Viele Patientinnen und Patienten mochten mich und brachten mir zum Abschied einen Blumenstrauß oder ein kleines Geschenk aus Dankbarkeit.“
„Als ich systemisch gearbeitet habe, wurden die Blumensträuße weniger – oder fielen ganz aus.“
„Natürlich habe ich mich gefragt: Bin ich schlechter geworden? Kommt meine Arbeitsweise nicht mehr so gut an?“
„Eine Erklärung war für mich: Die Klient:innen sagten am Ende immer häufiger: ‚Ich habe es gemacht.‘“
„Der Veränderungsimpuls lag nicht mehr bei mir als Therapeutin, sondern bei den Klient:innen selbst.“
„Sie hatten das Gefühl – und so haben sie es auch gesagt –, dass sie es selbst waren, die etwas verändert haben.“
„Das ist für mich ein Geschenk – zehnmal mehr wert als jeder Blumenstrauß, jeder Teddybär oder jede Flasche Wein.“
Video 3: Verstehen statt Lösen. Die Lust am systemischen Explorieren von Problemen.
Titel des Videos: Verstehen! Oder die Lust am Explorieren des Problems in der systemischen Beratung
Unsere Gründerin nimmt Sie mit in einen zentralen Moment systemischer Arbeit: das Verstehen. Es geht um das gemeinsame, neugierige Erkunden dessen, was ein Problem im jeweiligen System bedeutet. Es geht um die Lust an der Problemexploration und darum, wie sich durch präzise Fragen Perspektiven verschieben, Zusammenhänge sichtbar werden und Klient:innen ihr Anliegen plötzlich anders begreifen.
Wenn Menschen ihr Problem neu verstehen, entsteht oft etwas Entscheidendes: Handlungsfähigkeit. Nicht, weil die beratende Person Lösungen liefert, sondern weil Klient:innen aus einem veränderten Verständnis heraus eigene Lösungsideen entwickeln – stimmig, realistisch und passend zu ihrem Kontext.
Tipp:
Woran merken Sie in Ihrer Arbeit, dass „Verstehen“ gerade passiert – und welche Frage hat bei Ihnen schon einmal einen echten Perspektivwechsel ausgelöst?
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Aus der Reihe Systemische Pioniere - ABIS
Verstehen statt Lösen
Dr. Ulrike Jänicke
Ich glaube, jede Person, die selbst schon einmal in einer schwierigen Situation war, kennt diese Sehnsucht: die Sehnsucht, von dieser schwierigen Situation erzählen zu dürfen.
Ich kann das von mir selbst sagen, und ich kenne viele andere Menschen, denen es genauso geht. Wenn sie jedoch auf eine Beraterin oder einen Berater treffen, der oder die das eher abbügelt – nach dem Motto: „Ich weiß schon, worum es Ihnen geht, lassen Sie uns doch gleich nach Lösungen schauen“ – dann fühlen sich Menschen nicht verstanden. Und oft kommen sie dann auch nicht wieder.
Das ist der eine Punkt. Der zweite Punkt ist folgender: In dem Moment, in dem ich wirklich frage: Worum geht es? Was ist das Problem? Erzählen Sie mir das. Das habe ich noch nicht verstanden. Wie genau meinen Sie das? Was meinen Sie, wenn Sie von Verletzung sprechen? Welche Verletzung ist das? – in diesen Momenten kann ich sehr feine Nachfragen stellen.
Und dann passiert etwas Interessantes: Klient:innen, die ihr Problem vielleicht schon fünfzig Mal erzählt haben – Freund:innen, Kolleg:innen, dem Partner oder der Partnerin – müssen es plötzlich anders erzählen. Sie haben es bisher immer gleich erzählt. Und mit mir erzählen sie ihr Problem, durch die zusätzlichen Fragen, neu.
In diesem Neuerzählen des Problems entstehen dann oft bereits Lösungsideen. Es geht also nicht nur darum, zu erfassen, was das Problem ist, sondern in der Problemexploration durch Fragen auf Themen dahinter zu kommen. Themen, die ich zum Beispiel im reflektierenden Team nutzen kann oder im Reflecting Me.
Dann kann ich etwa sagen: Ich habe das Gefühl, es geht hier um Vertrauen. Oder um Liebe. Oder um Gemochtwerdenwollen. Oder um Konkurrenz.
Und wenn ich das ausspreche, entsteht Verstehen. Und Klient:innen haben das Gefühl, wirklich verstanden zu werden.
Für mich ist außerdem ein wichtiger Hinweis: Wenn Klient:innen nach einem reflektierenden Team erneut mit dem Problem beginnen wollen, dann weiß ich, dass sie noch nicht genug erzählt haben. Dann haben sie das Gefühl, dass die Beraterin oder der Berater sie noch nicht ausreichend verstanden hat – und deshalb müssen sie es noch einmal „auskippen“.
Das ist ein Feedback an die beratende Person. Nicht die Klient:innen sind „schwierig“ oder „blöd“, sondern es zeigt, dass das reflektierende Team für sie noch nicht stimmig war.
Darüber hinaus hilft mir die Problemexploration auch selbst: Zusammenhänge neu zu verstehen, Muster zu erkennen, andere Hypothesen zu entwickeln. Zu schauen: Was mache ich beim nächsten Mal? Worum geht es wirklich? Ist das, was mir angeboten wird, tatsächlich das zentrale Thema – oder geht es um etwas anderes?
All das kann ich nur denken, nur bewegen, nur hin und her wenden, wenn ich wirklich versucht habe zu verstehen.
Und auch das ist etwas, was Klient:innen häufig am Ende als Feedback geben, wenn sie sagen: „Ich hatte das Gefühl, dass Sie mich verstanden haben.“
Das empfinde ich immer als ein großes Kompliment.
Zitate Dr. Ulrike Jänicke zum Thema Systemisches Fallverstehen.
- „Jede Person, die schon einmal in einer schwierigen Situation war, kennt die Sehnsucht, davon erzählen zu dürfen.“
- „Wenn Berater:innen zu schnell nach Lösungen schauen, fühlen sich Menschen oft nicht verstanden – und kommen nicht wieder.“
- „Verstehen beginnt dort, wo ich sagen kann: ‚Das habe ich noch nicht verstanden. Erzählen Sie mir das bitte genauer.‘“
- „Durch systemische Fragen erzählen Klient:innen ihr Problem neu – auch wenn sie es schon fünfzig Mal erzählt haben.“
- „Im Neuerzählen des Problems entstehen häufig bereits Lösungsideen.“
- „Problemexploration bedeutet nicht nur zu verstehen, was das Problem ist, sondern worum es eigentlich geht.“
- „Manchmal geht es nicht um das vordergründige Thema, sondern um Vertrauen, Liebe, Gemochtwerdenwollen oder Konkurrenz.“
- „Wenn Klient:innen nach dem reflektierenden Team erneut mit dem Problem beginnen, ist das ein Feedback an die Beratung – nicht an die Klient:innen.“
- „Problemexploration hilft auch mir als Berater:in, Muster zu erkennen und neue Hypothesen zu entwickeln.“
- „Das größte Kompliment in der Beratung ist der Satz: ‚Ich hatte das Gefühl, Sie haben mich verstanden.‘“
Video 4: Sitzposition und Beratungserfolg
Titel des Videos: Sitzposition und Beratungserfolg – Warum der Raum mitspricht
Unsere Gründerin spricht über etwas, das viele unterschätzen: die Gestaltung des Raums. Systemisches Denken findet nicht nur in Gesprächen statt, sondern auch in Beziehungen. Und Beziehungen werden räumlich sichtbar.
Wie sitzen wir zueinander? Frontal gegenüber oder über Eck? Mit Tisch oder ohne? In welchem Winkel, mit welchem Abstand? All das macht etwas mit dem Raum. Und Klienten reagieren darauf, oft ohne es zu merken.
Ein Beispiel aus der Praxis: Ein 25-jähriger Mann sitzt in einer Familiensitzung zwischen seinen Eltern. Psychisch geht es ihm nicht gut. Irgendwann wird er gebeten, seinen Stuhl woanders hinzustellen. Er überlegt, traut sich, rückt ihn ein Stück weg. Dieser kleine räumliche Schritt hat eine unglaubliche Wirkung. Für ihn, für die Eltern, für die Therapeutin.
Ob jemand zwischen den Eltern sitzt oder neben ihnen. Ob mit Abstand oder ganz nah. Das sind Feinheiten, wie sie auch in der Sprache existieren. Und sie haben Kraft.
Tipp:
Achten Sie mal bewusst darauf, wie Sie und Ihre Klienten im Raum sitzen. Was verändert sich, wenn Sie den Winkel verändern? Oder den Abstand? Manchmal liegt in einer kleinen räumlichen Verschiebung schon eine große Intervention.
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Aus der Reihe Systemische Pioniere - ABIS
Sitzposition und Beratungserfolg
Dr. Ulrike Jänicke
Also, die Sitzposition ist mir tatsächlich wichtig, weil systemisches Denken ja im Raum stattfindet, in Beziehungen stattfindet. Und die Frage, wie wir miteinander sitzen, wie wir in Beziehung zueinander sind, welchen Winkel wir haben – ob wir uns frontal gegenüber sitzen oder in einem stumpfen Winkel oder über Eck, mit Tisch oder ohne Tisch – das macht ganz viel mit dem Raum.
Und wenn man ein bisschen geübt ist, kriegt man das auch mit, was das macht. Und Klienten reagieren da total drauf. Und insofern ist es mir wichtig mitzugucken: Wie sind die Räume gestaltet? Wie sind die Stühle zueinander gestellt? Wie sind die Abstände? Zu nah, zu weit? So als Grundsetting.
Aber natürlich ist es auch spannend, mit Stühlen noch zusätzlich zu arbeiten.
Also ich erinnere eine Familie: erwachsener Sohn, Eltern, psychisch ziemlich malade. Und wir haben gearbeitet, und irgendwann habe ich gebeten, dass sich der Sohn nicht zwischen den Eltern sitzt, sondern weg. Und habe ihn gefragt: Wo soll dein Stuhl stehen? Nachdem er seine Eltern als Paar gesehen hat. Und dann hat er sich getraut, den Stuhl ein bisschen wegzunehmen.
Das war eine unglaubliche Wirkung. Für mich als Therapeutin, für die Eltern, für den Jungen, für den jungen Mann, der er war. Und da kriegt man mit, was diese räumlichen Beziehungen zueinander wirklich für eine Kraft entfalten.
Ob jemand zwischen den Eltern sitzt, wenn er 25 ist, oder neben den Eltern oder vielleicht mit einem kleinen Abstand. Das sind so Feinheiten, wie die Feinheiten der Sprache auch, die Feinheiten zueinander.
Zitate Dr. Ulrike Jänicke zum Thema Raumgestaltung in der Beratung
„Systemisches Denken findet im Raum statt, findet in Beziehungen statt."
„Die Frage, wie wir miteinander sitzen, wie wir in Beziehung zueinander sind, welchen Winkel wir haben – das macht ganz viel mit dem Raum."
„Ob wir uns frontal gegenüber sitzen oder über Eck, mit Tisch oder ohne Tisch – Klienten reagieren da total drauf."
Video 5: Tipps in der systemischen Beratung?
Titel des Videos: Impulse setzen ohne zu bevormunden – Die Kunst der indirekten Intervention
Unsere Gründerin spricht über einen oft unterschätzten Aspekt systemischer Arbeit: Wie bringe ich als Beraterin meine Ideen ein, ohne direktiv zu werden? Und wie ehrlich darf ich dabei sein? Denn auch nach Jahrzehnten Praxis gelingt nicht jede Intervention – und das ist okay.
Die gute Nachricht: Im systemischen Arbeiten haben wir mehrere Möglichkeiten. Wir können unsere Impulse in gute Fragen kleiden. Wir können sie im reflektierenden Team platzieren. Oder wir erzählen eine indirekte Geschichte: "Da fällt mir ein Klient ein, der ein ähnliches Problem hatte... Am besten, Sie tun so, als hätten Sie das nicht gehört."
Der feine Unterschied liegt in der Haltung. Eine Empfehlung fordert auf und kann Widerstand erzeugen. Ein Impuls wird gehört, bleibt im Raum und lässt Menschen die Freiheit, ihn aufzugreifen. Oder auch nicht. Genau in dieser Wahlmöglichkeit liegt die Kraft.
Tipp:
Wann haben Sie zuletzt eine Idee als Geschichte verpackt, statt sie als Empfehlung auszusprechen? Was hat das mit der Gesprächsdynamik gemacht?
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Aus der Reihe Systemische Pioniere - ABIS
Impulse setzen ohne zu bevormunden
Dr. Ulrike Jänicke
Also, ich kann dazu sagen: Es ist mir zu 95 Prozent gelungen. Aber es gibt auch immer wieder Klienten, wo es mir nicht gelungen ist, oder Fälle, wo es mir nicht gelungen ist. Und das verzeihe ich mir auch.
Aber die Grundidee war – oder das, was wir machen können im systemischen Arbeiten: Wir können ja alles, was wir als Impulse haben, trotzdem platzieren.
Wir können es einmal platzieren durch gute Fragen. Wir können das, was wir wollen, in gute Fragen kleiden. Wir können es platzieren im reflektierenden Team.
Und wir können es platzieren, indem wir zum Beispiel solche Formulierungen verwenden: „Wenn Sie das jetzt so erzählen, da fällt mir ein Klient ein, der ein ziemlich ähnliches Problem hatte wie Sie. Der hat das so und so gelöst. Und ich weiß jetzt gar nicht, warum mir das jetzt einfällt und warum ich Ihnen das überhaupt erzähle. Am besten, Sie tun so, als ob Sie es nicht gehört hätten." Und dann mache ich weiter.
Und in dem Augenblick ist das aber trotzdem transportiert als Gedanke, und der Klient hat die Möglichkeit, ob er den Gedanken aufgreift oder ob er ihn liegen lässt.
Es ist ein Unterschied, als wenn ich sage: „Meine Empfehlung ist, dass Sie das ab morgen so und so machen." Das eine ist eine Aufforderung, die auch Widerstand erzeugen kann. Das andere ist das Spielen mit dem Wort, das gehört wird – in jedem Fall gehört wird – und wo die Leute sich entscheiden können, ob sie es nehmen oder nicht nehmen.
Zitate Dr. Ulrike Jänicke zum Thema Indirekte Intervention
„Es ist mir zu 95 Prozent gelungen, aber es gibt auch Fälle, wo es mir nicht gelungen ist. Und das verzeihe ich mir auch."
„Wir können alles, was wir als Impulse haben, trotzdem platzieren – ohne direktiv zu werden."
„Wir können das, was wir sagen wollen, in gute Fragen kleiden."
„Da fällt mir ein Klient ein, der ein ähnliches Problem hatte... Am besten, Sie tun so, als ob Sie es nicht gehört hätten."
„In dem Augenblick ist das trotzdem transportiert als Gedanke – und der Klient kann entscheiden, ob er ihn aufgreift oder liegen lässt."
„Eine Empfehlung ist eine Aufforderung, die auch Widerstand erzeugen kann."
„Das andere ist das Spielen mit dem Wort, das gehört wird – in jedem Fall gehört wird – und wo die Leute sich entscheiden können, ob sie es nehmen oder nicht nehmen."
„Drei Wege, Impulse zu platzieren: durch gute Fragen, im reflektierenden Team oder als indirekte Geschichte."
Video 6: Das reflektierende Team
Titel des Videos: Das reflektierende Team – Das größte Werkzeug der systemischen Arbeit
Unsere Gründerin spricht über ihre größte Leidenschaft in der systemischen Arbeit: das reflektierende Team. Es ist die Methode, die sie 1989 kennenlernte und die sie bis heute als das kraftvollste Instrument systemischer Beratung bezeichnet.
Was macht das reflektierende Team so besonders? Es gibt Klient:innen die Möglichkeit, sich selbst neu zu hören. Wir spiegeln wider, was erzählt wurde, öffnen neue Perspektiven und bringen Dinge zur Sprache, die vielleicht übersehen wurden. Wir können sogar über Menschen sprechen, mit denen jemand im Konflikt steht – und dabei die gute Absicht sichtbar machen.
Das Besondere: Während des reflektierenden Teams läuft bei Klient:innen oft ein eigener Film ab. Und genau in diesem inneren Prozess, ausgelöst durch die Reflexionen, entstehen Lösungen. Manchmal so deutlich, dass Klient:innen am liebsten sagen würden: „Ich hab's!"
Tipp:
Achten Sie in Ihrer nächsten Sitzung darauf, was während des reflektierenden Teams mit Ihren Klient:innen passiert. Manchmal liegt die größte Veränderung nicht in dem, was gesagt wird, sondern in dem, was währenddessen in den Köpfen der Menschen geschieht.
Transkript zeigen - Video 6: Das reflektierende Team
Aus der Reihe Systemische Pioniere - ABIS
Das reflektierende Team
Dr. Ulrike Jänicke
Das Reflecting Team ist für mich das Größte.
Tatsächlich hat das einen ganz großen Stellenwert. Ich habe es 1989 kennengelernt, als Klaus Deissler und Roswitha Schug in Halle waren an der Uni zu ihrem Workshop. Dort haben sie das gemacht und das hat mich geflasht. Später während meiner Ausbildung habe ich den Tom Andersen kennengelernt, den Erfinder des reflektierenden Teams, ein sehr spannender Kollege aus Norwegen, Psychiater, der das für sich kreiert hat.
Es gibt auch eine schöne Geschichte dazu, aber die will ich jetzt gar nicht erzählen. Und was Harlene Anderson mit ihrem narrativen Ansatz, der Klaus Deissler, die Roswitha – die haben das angewendet und es war so schön.
Und was ist das Schöne daran? Das Schöne daran ist, dass wir den Klienten das widerspiegeln können, was sie selber erzählt haben. Und dass wir aber gleichzeitig auch Dinge transportieren können, die wir gesehen haben oder gehört haben, die vielleicht die nicht mehr sehen. Wir können einen Perspektivwechsel einleiten.
Wir können zum Beispiel Formulierungen über jemanden, mit dem man konflikthaft verstrickt ist – da kann auch die gute Absicht darin in Sprache gebracht werden und damit Impulse setzen. Dass die Klienten plötzlich das hören, was sie selber nicht denken. Und wir können ihnen Interpretationen oder Gedanken anbieten, die sie selbst nicht gedacht haben.
Und damit, und das können wir auch machen zu Menschen, wo sie dachten: „Den kann ich überhaupt nicht leiden" – ob das meine Mutter ist oder mein Kollege oder mein Vorgesetzter. Und plötzlich merken sie, dass vielleicht nicht alles schlecht ist, dass es auch was anderes gibt. Und allein das verändert.
Was können wir noch mit dem reflektierenden Team machen? Wir können Lösungsideen mit hineinflechten, ohne sie als Lösung anzubieten. Und wir können diesen Perspektivwechsel machen, indem wir auch wirklich mal von oben drauf gucken, Beziehungen betrachten.
Wir können auch die Klienten im reflektierenden Team mit einbeziehen und sie mitreflektieren lassen über sich selber, also eine Beobachtung zweiter Ordnung kreieren. Und all das sind Möglichkeiten, die einfach so stark sind in der Wirkung auf die Klienten und auf das, was sie daraus selber machen, dass das fantastisch ist.
Und ich erinnere mich, als ich Lernende war, war ich ja natürlich auch manchmal in einer Situation, wo ich was erzählt habe und auch meine Kollegen haben ein reflektierendes Team für mich gemacht. Und ich habe erlebt, wie ich ihnen zwar zugehört habe, aber mein eigener Film parallel abgelaufen ist. Und der war viel spannender als das, was sie erzählt haben. Und plötzlich kam ich auf die Lösung und ich hätte eigentlich sagen können: „Hört auf, ich habe es."
Und das sind so die Dinge, die unterirdisch passieren, die wir oft nicht wissen. Und deshalb ist das für mich eigentlich das Größte. Das größte Tool, das größte Handwerkszeug, die größte Haltung, die größte Idee, die wir haben können, wenn wir systemisch arbeiten.
Zitate Dr. Ulrike Jänicke zum Thema Reflektierendes Team
„Das Reflecting Team ist für mich das Größte."
„1989 habe ich das reflektierende Team kennengelernt – das hat mich geflasht."
„Wir spiegeln wider, was Klient:innen erzählt haben, und transportieren gleichzeitig Dinge, die sie vielleicht selbst nicht mehr sehen."
„Wir können einen Perspektivwechsel einleiten und die gute Absicht in Konflikten sichtbar machen."
„Klienten hören plötzlich, was sie selbst nicht denken und wir bieten ihnen Interpretationen an, die sie selbst nicht gedacht haben."
„Selbst zu Menschen, von denen Klient:innen dachten ‚den kann ich nicht leiden', kann plötzlich etwas anderes sichtbar werden. Und allein das verändert."
„Wir können Lösungsideen hineinflechten, ohne sie als Lösung anzubieten."
„Wir können Klient:innen mitreflektieren lassen über sich selbst – eine Beobachtung zweiter Ordnung."
„Als ich selbst Lernende war, habe ich erlebt: Während des reflektierenden Teams lief mein eigener Film ab – viel spannender als das, was gesagt wurde."
„Plötzlich hatte ich die Lösung und hätte am liebsten gesagt: ‚Hört auf, ich hab's. Das sind die Dinge, die unterirdisch passieren, die wir oft nicht wissen."
„Das reflektierende Team ist das größte Tool, das größte Handwerkszeug, die größte Haltung, die größte Idee der systemischen Arbeit."
Video 7: Systemische Hypothesen
Titel des Videos: Systemische Hypothesen – Warum sie mich in den Prozessen leiten
Unsere Gründerin spricht über ein Werkzeug, das ihre Arbeitsweise grundlegend verändert hat: systemische Hypothesen. Sie ermöglichen es, Verhaltensweisen in ein völlig neues Licht zu stellen – nicht nur die des Klienten, sondern die des gesamten Systems drumherum.
Was macht systemische Hypothesen so wertvoll? Sie verändern den Blick. Wenn wir verstehen, welche Funktion ein Verhalten hat oder welche gute Absicht dahinterstecken könnte, öffnet sich etwas. Plötzlich können wir andere Fragen stellen. Zum Beispiel, nachdem uns jemand ausführlich von seinem schwierigen Chef erzählt hat: „Was macht er denn gut?"
Aber diese Frage kann nur gestellt werden, wenn wir selbst daran glauben – dass auch der Chef in Zwängen steckt oder das Gute will. Und genau diese Haltung verändert den Prozess.
Das Besondere: In Abschlussgesprächen kommt oft genau dieser Moment zur Sprache. Klient:innen sagen dann: „Als Sie sagten, dass mein Chef auch was gut macht – das hat mich berührt. Ich habe damit gehadert, aber es ließ mich nicht los. Das war der Schlüssel."
Tipp: Welche schwierige Person in Ihrem Umfeld könnten Sie heute mit einer neuen Hypothese betrachten? Was wäre, wenn auch sie in Zwängen steckt oder eigentlich das Gute will?
Transkript zeigen - Video 7: Systemische Hypothesen
Aus der Reihe Systemische Pioniere - ABIS
Systemische Hypothesen
Dr. Ulrike Jänicke
Systemische Hypothesen sind für mich wichtig, weil es mir ermöglicht, Verhaltensweisen in ein neues Licht zu stellen. Und zwar nicht nur von dem Klienten, sondern von dem gesamten Umfeld – also von dem wirklichen System. Und eine systemische Hypothese ist nicht die systemische Hypothese eines Menschen, sondern wirklich das System ringsherum, das relevante System drum herum.
Und wenn ich das für mich erarbeitet habe – dass ich also bestimmtes Verhalten in einen Kontext stelle oder dem eine Funktion zuweise oder versuche zu verstehen, vielleicht die gute Absicht zu verstehen, die dahinter steckt – dann verändert sich bei mir was im Blick auf andere Menschen, über die vielleicht sehr kritisch gesprochen wurde. Weil ich einen anderen Blick habe.
Und es verändert sich meine Arbeitsweise mit dem Klienten oder dem Klientensystem, weil ich andere Fragen stelle. Weil ich eben auch mal frage, nachdem Sie mir alles erzählt haben von den schwierigen Verhaltensweisen Ihres Chefs: „Und ich würde Sie jetzt fragen: Was ist gut an ihm? Was macht er gut?" Das kann ich aber erst fragen, wenn ich wirklich denke, der Chef macht auch was gut.
Und deshalb ist die Hypothese so wichtig – dass der Chef auch entweder selber in Zwängen steckt oder auch wirklich das Gute will. Und das hilft sehr, den Prozess voranzutreiben, in die richtige Richtung zu treiben.
Spannend für mich ist: Wenn wir am Ende der Zusammenarbeit immer ein Abschlussgespräch haben und ich oft frage „Wie haben Sie die Zusammenarbeit empfunden? Was war für Sie nützlich? Was war weniger angenehm?" – dann kommen eigentlich immer Sätze, dass Klienten sagen: „Als Sie gesagt haben, dass mein Chef auch was gut macht, das hat mich berührt. Da habe ich erst damit gehadert, aber dann habe ich nachgedacht und es ließ mich lange nicht los. Und das war der Schlüssel."
Und dann denke ich: Ja, ich brauche Hypothesen.
Zitate Dr. Ulrike Jänicke zum Thema Systemische Hypothesen
„Systemische Hypothesen ermöglichen es mir, Verhaltensweisen in ein neues Licht zu stellen – nicht nur vom Klienten, sondern vom gesamten System."
„Wenn ich Verhalten in einen Kontext stelle oder die gute Absicht dahinter verstehe, verändert sich mein Blick auf Menschen, über die kritisch gesprochen wurde."
„Die Hypothese verändert meine Arbeitsweise, weil ich andere Fragen stelle. Zum Beispiel: ‚Was macht Ihr Chef gut?' – das kann ich aber erst fragen, wenn ich wirklich denke, dass er auch was gut macht."
„Die Hypothese ist wichtig: dass der Chef entweder selber in Zwängen steckt oder auch wirklich das Gute will."
„Klienten sagen am Ende oft: ‚Als Sie sagten, dass mein Chef auch was gut macht, hat mich das berührt. Ich habe damit gehadert, aber es ließ mich nicht los. Das war der Schlüssel. Und dann denke ich: Ja, ich brauche Hypothesen."
Video 8: Systemische Haltung - Veränderungsneutralität - Was ist das?
Titel des Videos: Veränderungsneutralität – was ist das eigentlich?
Beschreibung:
Veränderung ist gut oder? Nicht immer. Dr. Ulrike Jänicke spricht in diesem Video über eines der spannendsten Paradoxe systemischer Arbeit: Je mehr wir auf Veränderung drängen, desto mehr Widerstand entsteht.
„Wenn ich auf das Gaspedal trete, treten die auf die Bremse" – dieses einfache Bild beschreibt, was viele Berater:innen und Therapeut:innen kennen. Und was dann hilft? Einen Schritt zurückgehen. Die Veränderung loslassen. Manchmal sogar sagen: „Bitte verändern Sie sich nicht."
Unsere Gründerin erzählt, wie sie gelernt hat, dass manchmal die Nicht-Veränderung mehr Kraft hat als jeder gut gemeinte Impuls. Und wie das Eingestehen der eigenen Grenzen – „Ich habe keine Idee mehr" – Menschen in ihre Selbstwirksamkeit bringen kann.
Ein Video über Augenhöhe, Geduld und das Vertrauen in das Tempo der Klient:innen.
Tipp: Wo treten Sie selbst aufs Gaspedal? Und wer bremst dann?
Transkript zeigen - Video 8: Systemische Haltung - Veränderungsneutralität - Was ist das?
Aus der Reihe Systemische Pioniere - ABIS
Veränderungsneutralität
Dr. Ulrike Jänicke
Das ist eine wunderbare Frage, weil sie tatsächlich auch Herausforderungen für mich darstellt.
Natürlich wünsche ich mir, wie viele andere Leute, die mit Menschen arbeiten, dass sie sich verändern, wenn man sieht, dass sie leiden. Und vor allem, wenn man eine Idee hätte: „Wenn du das nur machen würdest, dann wäre doch alles ganz einfach." Davon bin ich nicht befreit. Das geht mir selber so.
Aber ich habe gelernt, und da hilft mir das Feedback der Klienten ganz doll: Wenn ich auf das Gaspedal trete, treten die auf die Bremse.
Und wenn ich mitkriege, dass meine Klienten auf die Bremse treten, dann weiß ich: Ich war zu sehr am Gas. Ich wollte zu sehr Veränderung. Und dann gehe ich in der Regel einen Schritt zurück: „Bitte verändern Sie sich nicht. Bis zum nächsten Mal beobachten Sie nur. Bitte keine Veränderung, bloß nicht." Und plötzlich findet Veränderung statt.
Das ist ein wunderbares Paradox. Und wenn ich eine Sensibilität dafür habe, dass ich, wenn ich zu sehr auf Veränderung bin, das Gegenteil erreiche – und wenn ich auf die Fortschritte oder eben Nicht-Fortschritte von Klienten, von Klientensystemen, von Familien oder von Teams achte – dann kann ich das ganz gut händeln.
Und mit der Zeit lernt man auch. Auch wir als Profis werden lernfähig, nicht nur unsere Klienten. Und weshalb ich aber tatsächlich auch überzeugt bin davon, ist: Manchmal birgt die Veränderung nicht immer das Beste. Also wenn wir Leute in Veränderung bringen – entweder durch Pushen oder durch gute Arbeit – sind sie nicht unbedingt immer glücklicher am Ende der Veränderung.
Sie haben zwar die Veränderung, aber das Glück kommt nicht parallel. Und von daher würde ich sagen: Manchmal ist die Nicht-Veränderung besser als die Veränderung. Und die Anerkennung der Nicht-Veränderung kann manchmal Kräfte freisetzen.
Ich erinnere mich auch hier durchaus an eine Menge von Klienten, denen ich nach einer gewissen Zeit von Sitzungen sagen musste: „Wir haben alles gemacht. Ich habe keine Idee mehr. Es ist, wie es ist. Und vielleicht finden Sie jemand anderen, der Ihnen weiterhelfen kann, aber ich fühle mich am Ende meiner Möglichkeiten."
Und spannend war, dass ich manchmal diese Leute als Teilnehmer oder Teilnehmerin im ABIS wiedergetroffen habe, die also genau danach auf die Veränderungs-Gaspedale gegangen sind. Oder die mir ein Jahr später geschrieben haben und gesagt haben: „Frau Jänicke, das war ein guter Abschluss, aber ich erzähle Ihnen, wo ich heute bin: Das und das habe ich gemacht, das und das habe ich gemacht."
Und dann verstehe ich, dass die Leute auch ihrem eigenen Tempo folgen wollen. Oder auch: Dass ich als die scheinbar Stärkere oder Besserwissende oder besser Funktionierende auch an meine Grenzen komme, nimmt mich aus dieser Höhe runter auf eine Augenhöhe mit den Klienten. Auch wenn ich vorher versucht habe, diese Augenhöhe zu halten: Ich bin nicht mehr die, die es schafft, sondern die, die es nicht geschafft hat.
Und das ermöglicht das Wachsen der Anderen. Und das ist doch eine wunderbare Sache.
Zitate Dr. Ulrike Jänicke zum Thema Veränderungsneutralität
„Natürlich wünsche ich mir, dass Menschen sich verändern, wenn ich sehe, dass sie leiden. Davon bin ich nicht befreit."
„Wenn ich auf das Gaspedal trete, treten die auf die Bremse."
„Wenn ich mitkriege, dass meine Klienten bremsen, weiß ich: Ich war zu sehr am Gas."
„Manchmal birgt die Veränderung nicht immer das Beste. Sie haben zwar die Veränderung, aber das Glück kommt nicht parallel."
„Manchmal ist die Nicht-Veränderung besser als die Veränderung."
„Die Anerkennung der Nicht-Veränderung kann manchmal Kräfte freisetzen."
„Dass ich als die scheinbar Stärkere oder Besserwissende auch an meine Grenzen komme, nimmt mich aus dieser Höhe runter – auf Augenhöhe mit den Klienten."