Systemische Familientherapie: Der Praxisleitfaden nach dem ABIS-Modell
Warum sollten Sie mit Familien arbeiten? Die Antwort liegt in der Wirksamkeit. Verhalten und psychische Symptome entstehen in Beziehungen. Das Einzelsetting kann nur begrenzt wirksam sein, da dort mit den Narrativen nur einer Person gearbeitet wird.
In der systemischen Familientherapie nutzen Sie die Kraft vielfältiger Sichtweisen. Sie ermöglichen neue Geschichten, erzeugen neue Erfahrungen und lösen alte Muster. Viele Symptome und Störungsbilder machen vor dem Hintergrund veränderter Beziehungen keinen Sinn mehr und lösen sich auf. Nachhaltig und effektiv.
Dieser Praxisleitfaden beschreibt systemische Familientherapie nach dem ABIS-Modell. Das Ergebnis von über 30 Jahren Erfahrung in Therapie und Lehre am ABIS Institut Leipzig. Entwickelt von Claudia Pfeifer und dem ABIS-Team, basierend auf den Arbeiten von Tom Andersen, Gianfranco Cecchin, Virginia Satir, Harlene Anderson und weiteren Pionieren der systemischen Therapie.
Sie erfahren hier: Die drei Wirkprinzipien systemischer Familientherapie. Das konkrete Setting und die therapeutische Haltung. Den genauen Ablauf einer Familientherapie-Sitzung nach ABIS-Modell. Die sternförmige Befragung als Geheimzutat. Das Reflecting Team und Reflecting Me. Die sieben typischen Fallen und wie Sie diese vermeiden.
Dieser Leitfaden richtet sich an systemische Therapeut:innen, Berater:innen, Supervisor:innen und alle, die mit Paaren und Familien arbeiten. Er basiert auf dem wissenschaftlichen Fachartikel "Systemische Familientherapie - eine Einführung" von Claudia Pfeifer, erschienen in Psychotherapie im Dialog (Thieme Verlag, 2021).
Am ABIS Institut Leipzig ist systemische Familientherapie fester Bestandteil aller Ausbildungen. Die hier beschriebenen Methoden werden täglich in der therapeutischen Praxis in Leipzig und deutschlandweit erfolgreich eingesetzt.
Inhaltsverzeichnis
- Die drei Wirkprinzipien
- Das Setting in der systemischen Familienberatung
- Die systemische Haltung: Das wichtigste Werkzeug
- Der Ablauf Schritt für Schritt: Das ABIS-Modell
- Das Reflecting Team und Reflecting Me
- Die 7 typischen Fallen
- Ein Plädoyer für die systemische Familientherapie
- Systemisches Arbeit am ABIS Leipzig lernen
- Über den Fachartikel
- Das ABIS-Modell auf einen Blick - Infografik
- Die Autorin FAQ
Die drei Wirkprinzipien: Systemische Arbeit mit Paaren und Familien
Die systemische Familientherapie basiert auf drei zentralen Wirkprinzipien. Diese erklären, warum Familientherapie so nachhaltig wirkt.
Wirkprinzip 1: Vielfältige Sichtweisen ermöglichen neue Perspektiven
In der systemischen Familientherapie explorieren Sie die Sichtweisen, Probleme, Hoffnungen und Träume aller Familienmitglieder. Durch das spezielle Setting sind die anderen Familienmitglieder gefordert, sich diese anzuhören.
Sie verstehen Dinge anders. Sie sehen den anderen in neuem Licht. Sie entdecken Gemeinsamkeiten und Wärme, die hinter Konflikten verborgen waren. Die Familie entwickelt eine gemeinsame Geschichte. Dieser neue Blick bewirkt neues Verhalten und Verhaltensänderungen.
Eine Klientin, Mutter zweier erwachsener Söhne, beschrieb das so: "Ich habe in diesen 90 Minuten mehr über meine drei Männer erfahren als in den letzten 8 Jahren." Und es hat viel verändert.
Wirkprinzip 2: Zugehörigkeit und Hoffnung entstehen
In der systemischen Familientherapie reden Sie mit den Menschen und nicht über sie. Menschen, die schwieriges Verhalten zeigen, werden einbezogen. Kinder werden gehört. Ex-Partner:innen bekommen eine Stimme.
Alle schwierigen Stille-Post-Phänomene, Triangulationen, Unsicherheiten von Angehörigen, Tabuisierungen und stillen Erwartungserwartungen werden transparent. Sie kommen in wertschätzender Sprache an die Oberfläche.
Die Menschen sind erfüllt von der Hoffnung, es gemeinsam schaffen zu können. Sie entwickeln gemeinsame Lösungen.
Ein Klient beschrieb das so: "Sie sind die Erste, die mich nach all den Jahren, die meine Frau depressiv ist, eingeladen hat. Jetzt können wir es endlich gemeinsam schaffen."
Wirkprinzip 3: Nachhaltiger Therapieerfolg entsteht
Menschen sind soziale Wesen. Sie leben in Beziehungen und Kontexten. Der Preis für ein neues Verhalten in einer Beziehung kann so hoch sein, dass Klient:innen das neu erworbene Verhalten im Alltag nicht aufrechterhalten können.
In der Einzeltherapie hat sich die Klient:in geändert, aber das System ist dasselbe geblieben. In der Familientherapie entwickeln sich alle Familienmitglieder weiter. Alle waren Teil des Prozesses. Neue Verhaltensweisen sind gemeinsam erprobt. Neue Rituale haben sich entwickelt.
Eine Familie berichtete: "Wir sind so stolz auf das, was wir erreicht haben. Es war echt schwer, aber schauen Sie uns jetzt an. Wir sind alle zusammengerückt."
Das Setting in der systemischen Familienberatung und Familientherapie
Das Setting bildet den Rahmen für erfolgreiche systemische Familientherapie. Am ABIS Leipzig haben sich folgende Parameter bewährt.
Teilnehmer:innen
Ein familientherapeutisches Setting umfasst zwischen 3 und 8 Familienangehörige. Sie treffen sich in regelmäßigen Abständen zu gemeinsamen Sitzungen mit dem/der Therapeut:in.
Wer ist dabei? Alle Menschen, die zum Gelingen beitragen können. Meist sind das alle Menschen, die in einem Haushalt zusammenleben. Bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sollten die leiblichen Elternteile anwesend sein. Auch neue Partner:innen der Eltern und Geschwister sind eingeladen.
Das ABIS-Modell verwendet einen Familienbegriff, der klassische Familienformen und queere Familien einbezieht.
Können Familienmitglieder nicht aktiv teilnehmen, sind sie über Fragen (zirkuläre Fragen) und Methoden (leerer Stuhl) dennoch Teil des Prozesses. Am Ende jeder Sitzung wird diskutiert, wie und welche Inhalte an nichtanwesende Familienmitglieder kommuniziert werden.
Je nach Kontext können auch Personen außerhalb des engen Familiensystems wichtig sein: Familienhelfer:innen, Lehrer:innen, Mentor:innen, beste Freund:innen.
Zeitrahmen
Die Sitzungen finden alle 3 bis 8 Wochen statt. Eine Sitzung dauert zwischen 60 und 120 Minuten. Am ABIS Leipzig arbeiten wir häufig niedrigfrequent über einen längeren Zeitraum (ein halbes bis 2 Jahre). Eine Familie kann über ein ganzes Jahr mit 4 bis 6 Sitzungen begleitet werden.
Zwei Formate
- Reine systemische Familientherapien: Alle Sitzungen finden mit der Familie statt.
- Begleitende systemische Familientherapien: Die Familiensitzungen finden parallel zur Einzeltherapie oder stationären Behandlung statt. Ziel ist der Transfer einzeltherapeutischer Ergebnisse in das Angehörigensystem, Beratung von Angehörigen und das Erarbeiten neuer Spielregeln in der Familie.
Raumgestaltung
Sie bereiten das Setting vor. Es beinhaltet gleichrangige Stühle in der Anzahl der Kommenden plus je einen Stuhl für den/die Therapeut:in und die Teilnehmenden des Reflecting Teams.
Die Stühle der Familienmitglieder werden in einem Halbkreis oder Kreis aufgestellt. Das Reflecting Team sitzt etwas abseits in der Nähe des/der Therapeut:in.
Die systemische Haltung: Das wichtigste Werkzeug
Das wichtigste Werkzeug in der systemischen Familientherapie ist die Haltung des/der Therapeut:in. Diese Haltung schafft den Raum, in dem Veränderung möglich wird.
- Neugier als Grundhaltung:
Essenziell ist Neugier: Neugier auf die Menschen und ihre Geschichten. Neugier auf die Themen hinter den Symptomen. Neugier auf das, was eint, nicht das, was trennt. Neugier auf Ressourcen und Fähigkeiten jedes Einzelnen und des Systems. Neugier auf Vorboten einer gelungenen Zukunft. Neugier auf den Sinn hinter scheinbar schwierigem Verhalten. - Wertschätzung, Respekt und Empathie:
Gepaart mit Wertschätzung, Respekt und Empathie bietet diese Grundhaltung den Boden jeder systemischen Familientherapie.
Eingebettet in diese Atmosphäre schaffen Sie als Therapeut:in einen Raum, in dem sich Menschen öffnen. Sie fühlen sich sicher. Sie erzählen von Berührendem und Schwierigem. Sie sprechen Dinge aus, die sie sonst nicht aussprechen würden.
- Modelllernen für die Familie:
Familien erleben hautnah ein Modell, in dem wertvolle Kommunikation und Lösungen möglich sind. Sie gewinnen Zutrauen, dies zukünftig in ihren Alltag übernehmen zu können.
Diese Haltung ist nicht nur eine Methode. Sie ist authentisch. Sie basiert auf der Überzeugung, dass jeder Mensch sein Bestes tut mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen. Dass hinter schwierigem Verhalten immer ein nachvollziehbarer Grund steht. Dass Familien die Expert:innen für ihre Lösungen sind.
Der Ablauf Schritt für Schritt: Das ABIS-Modell
Im Folgenden beschreiben wir den konkreten Ablauf einer systemischen Familientherapie-Sitzung nach dem ABIS-Modell. Entwickelt in 30 Jahren Praxis am ABIS Institut Leipzig.
Schritt 1: Die Gesprächseröffnung
Sie begrüßen die Klient:innen und führen sie ins Zimmer. Sie stellen sich vor und beschreiben den Gesprächsrahmen:
Die Dauer des Gesprächs. Den Wunsch, die Sichtweisen aller Beteiligten zu hören. Hinweise zur Schweigepflicht und Datenschutz. Die Vorstellung des Reflecting Teams.
Die Geheimzutat: Sternförmige Befragung
Ein weiterer Hinweis gilt der Geheimzutat: der sternförmigen Befragung. Dies bedeutet, dass Sie als Therapeut:in nacheinander mit jedem Einzelnen aus der Runde reden und Fragen stellen. Die anderen Familienmitglieder hören dabei nur zu. Gespräche und Kommentare werden unterbunden.
Durch diese Art der Gesprächsführung behalten Sie die Gesprächsführung in der Hand. Gegenseitige Anfeindungen und alte Kommunikationsmuster werden durch Zuhören der Sichtweise des Gegenübers ersetzt.
Hier liegt der Schlüssel für gelungene systemische Familiengespräche. Gut moderiert und konsequent auf die sternförmige Befragung geachtet gelingen selbst die energiegeladensten Familiengespräche.
Schritt 2: Das Denken in Runden
Für den Ablauf hat sich das Denken in Runden bewährt. Eine Runde bedeutet, dass alle Familienmitglieder einmal in einem ähnlichen Zeitrahmen und zu ähnlichen Themen zu Wort gekommen sind.
Die Zeit, die Sie einem einzelnen Familienmitglied widmen, liegt zwischen 2 und 15 Minuten. In dieser Zeit hören die anderen still zu. Sind sie an der Reihe, werden sie eingeladen, das Gehörte zu kommentieren.
Schritt 3: Auftragsklärung und erste Runde
In einer ersten Runde befragen Sie jede:n einzeln zu den Punkten:
1. Wer sind Sie?
2. Wie sind Sie hierher eingeladen worden?
3. Angenommen, die Stunde wäre ein voller Erfolg, was würde am Ende stehen, dass Sie sagen, es hat sich gelohnt?
Diese Runde hat zwei Ziele:
Beziehung aufbauen: Sie erfahren, wer gerne dabei ist und wer nur mitgebracht wurde. Sie nehmen Kontakt auf, schaffen Sicherheit und den atmosphärischen Boden für den Prozess. Ziel ist es, dass alle Familienmitglieder am Ende dieser Runde Lust und Neugier auf den folgenden Prozess verspüren.
Aufträge klären: Sie bekommen erste Hypothesen, wie eine Familie zu gemeinsamen Entscheidungen kommt. Sie hören die unterschiedlichen Aufträge an den Prozess. Sozial erwünschte Antworten von Kindern und Jugendlichen werden hinterfragt. Kinder und Jugendliche werden gestärkt, selbst zu formulieren, was sie gern anders hätten.
Idealerweise bekommen Sie so viele Aufträge wie Menschen im Raum sind. Die Entscheidung, mit welchem Thema begonnen wird, übergeben Sie an das Klient:innensystem.
Schritt 4: Basisinformationen zur Familie
Wenn Sie die Familie noch nicht kennen, ist es wunderbar, wenn ein Familienmitglied (am liebsten ein Kind) die wichtigsten Dinge zur Familie erzählt. Hierzu gehören: Alter, Beruf, Schulform, Hobbys und Leidenschaften, wer wohnt in einem Haushalt, Sorge- und Umgangsrecht, Stiefeltern, Stiefgeschwister, weitere Angehörige.
In dieser Zeit erfahren Sie viel Wissenswertes, das Ihnen die späteren Informationen besser einordnen lässt. Für die Familie ist es eine Gelegenheit, sich mit viel Schmunzeln warm zu reden.
Schritt 5: Inhaltliches Arbeiten in Runden 2 bis 5
Im Folgenden geben Sie jedem einzelnen Familienmitglied Raum, seine Geschichten zu erzählen. Geleitet durch systemische Fragetechnik explorieren Sie in den ersten Runden:
Die aktuelle Situation und deren Auswirkungen auf das Familienleben. Das Erstauftreten problematischen Verhaltens. Bisherige Lösungsversuche der Familie und der Helfer:innen. Kränkungen und Verletzungen. Die Absicht hinter schwierigem Verhalten.
Diese Phase ist wichtig, um den Menschen das Gefühl zu geben, in ihrer Not verstanden und gehört zu werden. Der Familie ermöglicht es, die Dinge neu zu hören, Beweggründe neu zu verstehen und festzustellen, dass die Einzelnen auf der Ebene der Werte gar nicht so weit voneinander entfernt sind.
Schritt 6: Brücken bauen in späteren Runden
In späteren Runden steht das Brückenbauen zwischen den Beteiligten im Vordergrund. Sie nutzen Fragetypen, die auf Ressourcen der Beteiligten und Schätzenswertes an anderen Familienmitgliedern fokussieren. Sie explorieren gemeinsam Zeiten, in denen es besser lief.
Schon bald sehen Sie es in den Gesichtern: Hört ein Jugendlicher einmal, wie sein Vater ihn trotz allem als blitzgescheiten Burschen beschreibt, ist auch er viel eher kompromissbereit. Die Augen der Mutter leuchten, wenn ihre Tochter erzählt, wie sehr sie das gemeinsame Kochen und Klönen vermisst.
Schritt 7: Der Blick auf eine gelungene Zukunft
Der Blick auf eine gelungene Zukunft steht am Schluss im Fokus. Sie erfragen Wünsche für die Zukunft, Lösungsideen, Kompromissangebote. Sie verhandeln mit der Familie Dinge, die es neu auszuprobieren gilt. Optional können Sie diese am Flipchart oder auf Moderationskarten festhalten.
Das Reflecting Team und Reflecting Me: Die Krönung
Die Krönung der systemischen Beratungs- und Therapiesitzung bildet das Reflecting Team oder das Reflecting Me. Diese Methode funktioniert gleichermaßen in der Paarberatung, Paartherapie, Familienberatung und Familientherapie.
Das Reflecting Team
Das Reflecting Team ist eine Methode, die Tom Andersen entwickelt hat. Mehrere Beobachter:innen reflektieren den therapeutischen und beraterischen Prozess vor der Familie oder dem Paar. Sie sprechen über das Gehörte, teilen Hypothesen, äußern Wertschätzung und bieten Lösungsideen an.
Die Familie oder das Paar hört zu und wählt aus, was passt. Diese Methode ermöglicht Vielfalt an Perspektiven und entlastet den/die Berater:in oder Therapeut:in von der Expertinnenrolle.
Am ABIS Leipzig nutzen wir das Reflecting Team in allen Formen systemischer Arbeit mit Paaren und Familien: in der Paarberatung, Paartherapie, Familienberatung und Familientherapie.
Das Reflecting Me
Das Reflecting Me wurde am ABIS Leipzig spezifisch für Beratungs- und Therapiesitzungen entwickelt, in denen nur ein:e Berater:in oder Therapeut:in anwesend ist. Es lebt von der Leidenschaft für Komplimente gepaart mit konkreten Impulsen, Hypothesen, Metaphern und Lösungsideen.
Dabei ist es kürzer als das Reflecting Team und erfordert Techniken, die Vielfalt an Impulsen in einer Person zu erzeugen. Das Reflecting Me bewährt sich besonders in der systemischen Paarberatung und Paartherapie, wo oft nur ein:e Berater:in oder Therapeut:in arbeitet.
Die Wirkung in der systemischen Arbeit mit Paaren und Familien
Im Reflecting Team oder Reflecting Me bündeln Sie als Berater:in oder Therapeut:in die wichtigsten Impulse für die Familie oder das Paar wie einen bunten Blumenstrauß und überreichen diesen in sprachlicher Form.
Emotionale Momente. Das Gefühl, endlich mal verstanden worden zu sein. Tiefe Dankbarkeit für konkrete Lösungsimpulse und die Anregungen sind der Dank.
Angereichert mit vielen neuen Informationen, ein wenig Erschöpfung, Berührtheit und neuem Verstehen verlassen die Familienmitglieder oder Paare die Sitzung. Die Wirkung guter systemischer Beratung und Therapie entfaltet sich zwischen den Sitzungen.
Die 7 typischen Fallen in der systemischen Arbeit mit Paaren und Familien
Die jahrelange Erfahrung in der Ausübung und Lehre systemischer Familientherapie, Familienberatung, Paartherapie und Paarberatung am ABIS Leipzig hat uns immer wieder in Kontakt mit den 7 typischen Fallen gebracht. Sie sind fast nicht zu vermeiden. Also einfach munter hineintreten, reflektieren und dann bewusst gegensteuern.
Falle 1: Beziehungsgestaltung und Mandat
Einzelne sind noch nicht gut genug abgeholt und lassen sich noch nicht auf den Prozess ein. Sie als Berater:in oder Therapeut:in haben es versäumt, einen guten und sicheren Rahmen zu schaffen, Vorbehalte und Ängste ernst zu nehmen und aufzulösen.
Diese Falle tritt besonders häufig in der Paarberatung und Paartherapie auf, wenn ein Partner oder eine Partnerin nur "mitgeschleppt" wurde.
Falle 2: Auftragsklärung
Der Auftrag ist unklar. Sie übernehmen ungefiltert den Auftrag Einzelner (zum Beispiel Initiator:in der Beratung oder Therapie, Eltern) und überhören die Signale anderer (zum Beispiel Signale der Kinder und Jugendlichen, oder des anderen Partners in der Paarberatung).
In der systemischen Arbeit mit Paaren und Familien ist Auftragsklärung besonders komplex, da oft unterschiedliche, manchmal widersprüchliche Aufträge im Raum stehen.
Falle 3: Narration
Sie übernehmen die Narration der Familie oder des Paares (Problemtrance), hören nur zu und schaffen keinen Unterschied in der Beratungs- oder Therapiesitzung.
In der Paarberatung und Paartherapie zeigt sich diese Falle oft darin, dass Sie in die Konfliktdynamik hineingezogen werden und selbst Position beziehen.
Falle 4: Eskalation
Sie achten nicht ausreichend auf die Gesprächsregeln und die sternförmige Befragung. Sie intervenieren nicht bei Eskalation, Beleidigungen, Entwertungen und emotionalen Ausbrüchen.
Diese Falle ist besonders relevant in der systemischen Familienberatung und Familientherapie mit hochkonflikthaften Familien sowie in der Paarberatung und Paartherapie mit eskalierenden Paaren.
Falle 5: Parteilichkeit
Sie werden zum Anwalt oder zur Anwältin eines Familienmitglieds oder eines Partners in der Paarberatung und versuchen stellvertretend für diese zu intervenieren.
In der systemischen Arbeit mit Paaren und Familien ist Allparteilichkeit zentral. Jede Form der Parteilichkeit gefährdet den Beratungs- und Therapieprozess.
Falle 6: Parteilichkeit II
Sie empfinden Abneigung oder Unverständnis für ein oder mehrere Familienmitglieder oder einen Partner in der Paarberatung und sind nicht in der Lage, dies aufzulösen. Hier helfen: Selbstreflexion, Supervision, Metakommunikation, Reflecting Team, Reflecting Me.
Falle 7: Basisinformationen
Sie gehen sofort in die Lösungssuche, ohne Informationen über das System einzuholen und das Problemsystem zu erkunden. Die Familie oder das Paar fühlt sich nicht verstanden, wichtige Informationen werden übersehen.
In der Paarberatung und Paartherapie sowie der Familienberatung und Familientherapie ist das Verstehen des Systems die Grundlage für nachhaltige Veränderung.
Wie Sie die Fallen vermeiden
Reflektieren Sie regelmäßig Ihren Beitrag am Nichtgelingen oder Gelingen der Beratung oder Therapie. Als systemische Berater:innen und Therapeut:innen sind Sie sich bewusst, dass Sie Teil des Systems sind.
Nutzen Sie Supervision. Arbeiten Sie mit einem Reflecting Team. Üben Sie das Reflecting Me. Bleiben Sie neugierig. Achten Sie auf Ihre Haltung.
Ein Plädoyer für die systemische Familientherapie
Systemische Familienberatung, Familientherapie, Paarberatung und Paartherapie sind Kunstformen.
Sie benötigen Grundfertigkeiten, Erfahrung, einen liebevollen Blick auf die Menschen und Intuition sowie Standing, um gelassen durch den Prozess zu manövrieren.
Die Erkenntnis: Es geht nicht um uns
Wenn Menschen noch nicht kooperieren, bedarf es unseres Geschicks, sie sanft zur Kooperation einzuladen. Wenn Menschen entwertend sind, sind sie häufig verletzt. Wenn Menschen seltsame Dinge tun, haben wir irgendetwas noch nicht verstanden, das es für sie sinnvoll macht, sich so zu verhalten.
Die Magie besteht darin, Räume zu schaffen, wo all das seinen Platz hat, wertschätzend bewegt wird und dennoch klare Grenzen bestehen.
Systemische Therapie, Famlientherapie, Paarberatung am ABIS Leipzig lernen
Am ABIS Institut Leipzig ist systemische Arbeit mit Paaren und Familien fester Bestandteil aller Ausbildungen:
Familienberatung und Familientherapie erfordern das Verständnis komplexer Systeme. Mehrgenerationale Muster, Geschwisterdynamiken, Patchworkkonstellationen, Sorge- und Umgangsrechtsfragen prägen die Arbeit.
Am ABIS Leipzig lernen Sie, diese Komplexität zu verstehen und kompetent damit umzugehen. Sie erwerben Fähigkeiten für Familienberatung und Familientherapie mit allen Familienformen.
Ausbildung Systemische Beratung:
Sie lernen die Grundlagen systemischer Arbeit mit Einzelnen, Paaren und Familien. Die sternförmige Befragung, das Reflecting Me und die therapeutische und beraterische Haltung werden intensiv geübt. Sie erwerben Kompetenzen für Paarberatung und Familienberatung.
Aufbaukurs Systemische Therapie:
Sie vertiefen Ihre Kompetenzen in der Paartherapie, Familientherapie und Gruppentherapie. Schwerpunkte sind: Bewegende Paartherapie (Paardynamiken, Sexualität und Liebe, Außenbeziehungen, Trennung und Scheidung), Mehrgenerationale Familientherapie, Familiendynamiken in Patchworksituationen, Mediation in Familienstreitigkeiten.
Aufbaukurs Systemische Supervision:
Sie lernen, Teamprozesse supervisorisch zu begleiten. Die Methoden der systemischen Arbeit mit Paaren und Familien übertragen Sie auf Teams und Organisationen.
Systemische Arbeit mit Paaren: Besondere Kompetenzen
In der Paarberatung und Paartherapie sind besondere Kompetenzen gefragt. Paardynamiken unterscheiden sich von Familiendynamiken. Themen wie Sexualität, Liebe, Außenbeziehungen, Trennung und Scheidung erfordern spezifische Kenntnisse. Wir bieten ab 2027 einen Kompaktkurs zum Thema Paartherapie bei uns am ABIS an. Jetzt vormerken.
Über den Fachartikel
Wissenschaftliche Grundlage
Dieser Praxisleitfaden basiert auf dem Fachartikel "Systemische Familientherapie - eine Einführung" von Claudia Pfeifer, erschienen in Psychotherapie im Dialog (Georg Thieme Verlag, 2021; 22: 38-42, DOI: 10.1055/a-1215-0182).
Quellenangabe
Pfeifer, C. (2021). Systemische Familientherapie - eine Einführung. Psychotherapie im Dialog, 22, 38-42.
Einflüsse und Inspirationen
Das ABIS-Modell basiert auf den Arbeiten von Tom Andersen (Reflecting Team), Gianfranco Cecchin (Respektlosigkeit), Virginia Satir (Familienrekonstruktion), Harlene Anderson (Kollaborative Therapie) sowie den Lehrmeister:innen Ulrike Jänicke, Thomas Keller, Roswitha Schug und Arist von Schlippe.
30 Jahre Praxiserfahrung
Die hier beschriebenen Methoden wurden über 30 Jahre am ABIS Institut Leipzig entwickelt, erprobt und verfeinert. Sie sind das Ergebnis der Arbeit mit tausenden Familien und der Ausbildung von über 2.500 systemischen Fachkräften.
Das ABIS-Modell auf einen Blick: Kostenlose Infografik & Fachpublikation in der PID

Systemische Familientherapie – eine Einführung
Von Claudia Pfeifer | Psychotherapie im Dialog 2021; 22: 1–5
Das ABIS-Modell: 30 Jahre Praxis in einem Leitfaden.
Was drin ist:
✓ Die 3 Wirkprinzipien für nachhaltigen Therapieerfolg
✓ Konkrete Anleitung: Setting, Haltung, sternförmige Befragung
✓ Die 7 typischen Fallen und wie du sie meisterst
Der Original-Fachartikel ist über den Thieme Verlag kostenpflichtig erhältlich.
FAQ
Warum ist systemische Arbeit mit Paaren und Familien so wirksam?
Systemische Paarberatung, Paartherapie, Familienberatung und Familientherapie sind wirksam, weil sie dort ansetzen, wo Verhalten und Symptome entstehen: in Beziehungen. Statt nur mit der Narration einer Person zu arbeiten, werden vielfältige Sichtweisen integriert. Paare und Familien entwickeln neue Geschichten, machen neue Erfahrungen und lösen alte Muster. Alle Beteiligten entwickeln sich weiter. Neue Verhaltensweisen sind gemeinsam erprobt. Dies führt zu nachhaltigem Erfolg in Beratung und Therapie.
Was ist der Unterschied zwischen Paarberatung und Paartherapie?
Im ABIS-Modell arbeiten wir mit beiden Formaten. Paarberatung fokussiert auf konkrete Konflikte, Kommunikationsmuster und Lösungen für den Alltag. Paartherapie geht tiefer und bearbeitet auch biografische Muster, Bindungsdynamiken und tieferliegende Beziehungsthemen. In der Praxis verschwimmen die Grenzen oft. Wir passen das Setting an die Bedürfnisse des Paares an. Die sternförmige Befragung und das Reflecting Me funktionieren in beiden Formaten gleichermaßen.
Wie lange dauert systemische Paarberatung oder Familientherapie?
Am ABIS Leipzig arbeiten wir niedrigfrequent über einen längeren Zeitraum. In der Paarberatung und Paartherapie sowie der Familienberatung und Familientherapie finden die Sitzungen alle 3 bis 8 Wochen statt. Eine Sitzung dauert zwischen 60 und 120 Minuten. Ein Paar oder eine Familie kann über ein halbes bis 2 Jahre mit 4 bis 6 Sitzungen begleitet werden. Die Wirkung systemischer Beratung und Therapie entfaltet sich zwischen den Sitzungen.
Was ist die sternförmige Befragung in der Paarberatung?
Die sternförmige Befragung ist die Geheimzutat des ABIS-Modells für Paarberatung, Paartherapie, Familienberatung und Familientherapie. Der/die Berater:in oder Therapeut:in redet nacheinander mit jedem Einzelnen und stellt Fragen. Die anderen hören nur zu. Gespräche und Kommentare werden unterbunden. In der Paarberatung und Paartherapie bedeutet das: Ein Partner oder eine Partnerin spricht, der/die andere hört zu. Dann wird gewechselt. Gegenseitige Anfeindungen werden durch Zuhören ersetzt. Gut moderiert gelingen selbst hochkonflikthafte Paarberatungen.
Wer sollte an der Familienberatung oder Familientherapie teilnehmen?
In der systemischen Familienberatung und Familientherapie nehmen idealerweise alle teil, die zum Gelingen beitragen können. Meist sind das alle, die in einem Haushalt zusammenleben. Bei Kindern und Jugendlichen sollten die leiblichen Elternteile dabei sein. Auch neue Partner:innen der Eltern und Geschwister sind eingeladen. In Trennungssituationen ist es in der Familienberatung besonders wichtig, beide Elternteile einzubeziehen. Je nach Kontext können auch Familienhelfer:innen, Lehrer:innen oder andere wichtige Bezugspersonen teilnehmen.
Was ist das Reflecting Me in der Paarberatung?
Das Reflecting Me wurde am ABIS Leipzig spezifisch für Paarberatung, Paartherapie, Familienberatung und Familientherapie entwickelt, in denen nur ein:e Berater:in oder Therapeut:in anwesend ist. Es ist die Einzelperson-Variante des Reflecting Teams. Der/die Berater:in oder Therapeut:in bündelt die wichtigsten Impulse: Komplimente, konkrete Lösungsideen, Hypothesen, Metaphern. Diese werden wie ein bunter Blumenstrauß überreicht. In der Paarberatung würdigt das Reflecting Me beide Partner:innen gleichermaßen und bietet Brücken für die Beziehung.
Wo kann ich systemische Paarberatung und Familientherapie lernen?
Am ABIS Institut Leipzig ist systemische Arbeit mit Paaren und Familien fester Bestandteil aller Ausbildungen. In der Ausbildung Systemische Beratung lernen Sie die Grundlagen für Paarberatung und Familienberatung. Im Aufbaukurs Systemische Therapie vertiefen Sie die Paartherapie und Familientherapie. Schwerpunkte sind bewegende Paartherapie, mehrgenerationale Familientherapie, Familiendynamiken in Patchworksituationen. Alle Lehrtrainer:innen sind SG-zertifiziert und nutzen Paarberatung, Paartherapie, Familienberatung und Familientherapie täglich in ihrer Praxis.
Was macht das ABIS-Modell für Paarberatung und Familientherapie besonders?
Das ABIS-Modell für systemische Paarberatung, Paartherapie, Familienberatung und Familientherapie verbindet theoretische Fundierung mit praktischer Anwendbarkeit. Besonderheiten sind: Die sternförmige Befragung als Geheimzutat für gelungene Paarberatung und Familienberatung. Das Reflecting Me für Einzelberater:innen und Einzeltherapeut:innen. Der strukturierte Ablauf in Runden. Die wertschätzende, ressourcenorientierte Grundhaltung. Das Prinzip "Wir lehren, was wir tun". Das Modell wurde über 30 Jahre in der systemischen Arbeit mit Paaren und Familien am ABIS Leipzig entwickelt und verfeinert.


