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Was ist systemische Beratung? Ein Leitfaden für Fachkräfte

Systemische Beratung – was steckt wirklich dahinter? Von der konsequent positiven Unterstellung bis zur Kunst der systemischen Frage: ein fundierter Leitfaden aus 30 Jahren ABIS Ausbildungspraxis.

ABIS Institut für Systemische Kompetenz Leipzig

 

Sie kommen mit einem Problem. Und die erste Frage, die Sie hören, ist nicht: Was ist Ihr Problem?

Sondern: 

  • Angenommen Sie profitieren total von der Beratung. Was würde für Sie am Ende stehen? 
  • Woran würden Sie das merken? Wer würde es noch merken und woran? 
  • Was genau könnten Sie dann tun? 
  • Was wäre Ihnen dadurch gewonnen?

Und dann geht es weiter mit Fragen nach dem was schon gut funktioniert, wo Ausnahmen bestehen, wie sie bereits andere schwierige Situationen bewältigt haben. 

Das ist der Unterschied. Das ist systemische Beratung.

 

Probleme entwickeln sich in Beziehungen

Dieser Satz klingt einfach. Er verändert alles.

Im Kern geht systemische Beratung von einer einfachen, aber tiefgreifenden Erkenntnis aus: Kein Mensch ist sein Problem. Und kein Problem existiert im luftleeren Raum.

Jede Schwierigkeit, obim Beruf, in der Familie, im eigenen Erleben,  entsteht und besteht innerhalb von Beziehungen, Mustern und Kontexten. Die systemische Beraterin fragt daher nicht: Wer ist schuld? Sie fragt: Wie hängt das zusammen? Welche Wechselwirkungen bestehen? Welches Verhalten begünstigt das symptomatische Verhalten der Anderen. Was wäre anders, wenn...?

Systemische Beratung sucht nicht den Fehler. Sie sucht die Ressource. Nicht rückwärts in die Geschichte, sondern vorwärts in die Möglichkeit. Nicht die Ursache des Problems, sondern den nächsten sinnvollen Schritt.

Jede Schwierigkeit, die Menschen in die Beratung bringt, entsteht innerhalb von Beziehungen, Gewohnheiten und Kontexten. Nicht im luftleeren Raum. Und das bedeutet: Wer sich verändert, verändert auch das System um sich herum. Manchmal ohne dass irgendjemand anderes auch nur einmal in der Beratung gesessen hat.

Deshalb laden wir in der systemischen Beratung gerne alle Menschen ein, die zur Lösung des Problems beitragen können. Partner:innen, Familien, Helfende, psychosoziale Fachkräfte. 

Die Wirkung ist einfach wunderbar. - Hier geht es zum Systemische Familientherapie - Praxisleitfaden.

 

Die KPU: Das Herzstück unserer Arbeit

Am ABIS nennen wir es die konsequent positive Unterstellung. Kurz: KPU.

Das bedeutet: Wir sind aufrichtig überzeugt, dass jeder Mensch, der zu uns kommt, die Ressourcen hat, die er braucht. Vielleicht verdeckt. Vielleicht gerade nicht zugänglich. Aber da.

Diese Haltung ist ein Werkzeug. Eines der wirkungsvollsten, die wir kennen.

Wenn Menschen spüren, dass ihnen grundsätzlich Kompetenz zugetraut wird, erzählen sie anders. Denken sie anders. Finden sie Lösungen, von denen sie selbst überrascht sind. Wir erleben das seit über dreißig Jahren. In der Beratung von Einzelpersonen, Paaren, Familien, Teams. Die KPU verändert den Raum, noch bevor das erste Wort gesagt ist.

Mal ehrlich: Wie oft werden Menschen in Gesprächen gefragt, was ihnen gelingt? Was sie schon gut können? Wann das Problem schon einmal fast nicht da war?

Nicht oft genug.

 

Vom Symptom zum System

In den 1950er Jahren entdeckte eine Forschergruppe um Gregory Bateson in Palo Alto etwas Grundlegendes: Verhalten entsteht nicht im Menschen allein. Es entsteht zwischen Menschen.

Arist von Schlippe und Jochen Schweitzer beschreiben in ihrem Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung, wie sich die Familientherapie der Nachkriegsjahrzehnte schrittweise von der Idee verabschiedete, dass Probleme in einzelnen Menschen sitzen. Die Mailänder Gruppe um Gianfranco Cecchin entwickelte daraus drei Prinzipien, die bis heute das Handwerk systemischer Beraterinnen prägen.

Hypothetisieren. Zirkularität. Neutralität.

Drei Worte, die klingen wie Fachbegriffe. Die aber etwas sehr Menschliches beschreiben.

 

Hypothetisieren: Neugier statt Urteil

Vor jedem Gespräch fragt sich die systemische Beraterin: Was könnte hier los sein? Nicht: Was ist los. Sondern: Was wäre eine Möglichkeit, diesen Menschen, dieses System zu verstehen?

Das ist eine Haltung echter Neugier, die offen bleibt. Die nicht schon weiß, bevor sie gefragt hat. Hypothesen sind keine Wahrheiten. Sie sind Einladungen, genauer hinzuschauen.

Uns leiten die Fragen: Welchen Sinn macht das symptomatische Verhalten für die betreffende Person? Wofür ist es ein Lösungsversuch? Welches dahinterliegende Bedürfnis versucht die/der Klient:in dadurch zu befriedigen.

Am ABIS üben wir das vom ersten Seminartag an. Nicht weil es einfach ist. Sondern weil es so ungewohnt ist. Wir sind es gewohnt, schnell einzuordnen, zu bewerten, zu diagnostizieren. Das Hypothetisieren hält all das in der Schwebe und gibt uns dennoch Orientierung. Und genau in dieser Schwebe entsteht oft das, was hilft.

Hier geht es zum Video zu systemischen Hypothesen 

 

Fragen, die öffnen

Systemische Beratung ist auch  Sprachkunst. Bestimmte Fragen tun etwas mit Menschen. Nicht weil sie clever konstruiert sind. Sondern weil sie einladen, die eigene Geschichte aus einem anderen Winkel zu betrachten. Weil sie mit inneren Bildern spielen, zu Metaphern einladen. 

Eine zirkuläre Frage fragt nicht: Wie geht es Ihnen? Sie fragt: Was würde Ihre Kollegin, die Sie am längsten kennt, sagen, wie sie selbst dazu beitragen, dass das Problem bestehen bliebt?

Der Unterschied ist enorm. Die erste Frage holt eine Meinung über sich selbst. Die zweite öffnet eine Perspektive, die der Befragte vielleicht noch nie eingenommen hat.

Oder: Stellen Sie sich vor, Sie schlafen heute Nacht ein, und über Nacht geschieht etwas. Das Problem, das Sie heute hierher gebracht hat, ist gelöst. Sie wissen es noch nicht, weil Sie geschlafen haben. Woran würden Sie morgen früh als erstes merken, dass etwas anders ist? An Ihrem Blick im Spiegel? Daran, wie Sie den ersten Kaffee trinken? Daran, wie Sie ans Telefon gehen?

Das sind keine Tricks. Das sind Einladungen. Einladungen, die eigene Geschichte aus der Zukunft zu erzählen, statt aus dem Problem heraus. Das macht einen Unterschied der einen Unterschied macht. Meistens einen sehr spürbaren.

 

Neutralität: Allparteilichkeit

Neutralität klingt kühl. 

Das Gegenteil ist gemeint. Systemische Neutralität heißt: Ich bin gleichzeitig auf der Seite aller. Ich bin neugierig auf jeden. Ich helfe dem System, nicht einer Partei darin.

Wenn eine Familie kommt, in der drei Menschen drei verschiedene Versionen der Realität mitbringen, ist es nicht die Aufgabe der Beraterin, herauszufinden, wer recht hat. Es ist ihre Aufgabe, alle drei Versionen ernst zu nehmen. Und gemeinsam zu schauen, was daraus entstehen kann.

Das ist ungewohnt. Und es ist befreiend. Für alle Beteiligten.

 

Der bunte Werkzeugkoffer

Systemische Beratung ist reich an Methoden. Je nach Kontext, Thema und Person kommen unterschiedliche Werkzeuge zum Einsatz:

  • Systembrettarbeit – räumliche Darstellungen von Beziehungsdynamiken, die unbewusste Muster sichtbar machen
  • Skalierungsfragen – präzise Messinstrumente für subjektives Erleben („Auf einer Skala von 1 bis 10: Wo stehen Sie heute?")
  • Wunderfrage – eine klassische Intervention, die lösungsorientiertes Denken aktiviert
  • Reflecting Team – mehrere Perspektiven, die einen systemischen Resonanzraum erzeugen
  • Genogramme – generationenübergreifende Beziehungskarten
  • Narratives Arbeiten – die eigene Geschichte neu schreiben, ohne sie zu verleugnen

Der Werkzeugkoffer ist bunt. Entscheidend ist nicht das Werkzeug, sondern die Frage, welches im gegenwärtigen Moment bei diesem Menschen in diesem System öffnet.

 

Warum systemische Lösungen tragen

Systemische Lösungen sind keine kurzfristigen Pflaster.

Sie entstehen, wenn Menschen wieder Zugang bekommen zu dem, was sie ohnehin können. Wenn die KPU nicht mehr nur die Haltung der Beraterin ist, sondern die eigene wird.

Klientinnen und Klienten berichten nicht selten, dass sich nach einer systemischen Beratung nicht nur ihre eigene Situation verändert hat. Sondern das Klima in ihrer Familie. Die Kommunikation in ihrem Team. Die Beziehung zu Menschen, die nie in der Beratung saßen.

Das ist das Versprechen der systemischen Beratung – und es ist eines, das sich immer wieder erfüllt. Nicht weil es ein Wunder ist. Sondern weil Menschen in Systemen leben. Und Systeme auf Veränderung reagieren.

 

Wer profitiert von systemischer Beratung?

Systemische Beratung ist keine Krisenintervention und keine Therapie im klinischen Sinne – obwohl sie auch dort eingesetzt werden kann. Sie ist ein Begleitformat für Menschen, die:

  • in Übergangssituationen stecken (Trennungen, Neuanfänge, Rollenwechsel)
  • in beruflichen oder familiären Konflikten feststecken
  • Klarheit über eigene Ziele und Werte suchen
  • mit Paaren oder Familien arbeiten 
  • in der sozialpädagogischen Familienhilfe oder aufsuchenden Familientherapie tätig sind
  • mit Kindern und Jugendlichen in KITA und Schule arbeiten
  • sich als Fachkräfte professionell weiterentwickeln wollen

Besonders wirksam ist systemische Beratung überall dort, wo das Problem des Einzelnen auch ein Problem des Systems ist – und wo die Lösung des Einzelnen auch das System verändert. Denn das ist die eigentliche systemische Einsicht: Wer sich verändert, verändert sein Umfeld. Und umgekehrt.

Zufriedene Klient:innen berichten nicht selten, dass sich nach einer systemischen Beratung nicht nur ihre eigene Situation, sondern auch ihre Beziehungen, ihre Kommunikation und das Klima in ihren Familien oder Teams spürbar verändert haben – ohne dass andere Personen überhaupt an der Beratung teilgenommen haben.

 

Systemische Beratung vs. systemische Therapie – was ist der Unterschied?

Systemische Beratung und systemische Therapie teilen Grundhaltung und viele Methoden, unterscheiden sich jedoch im Anwendungsbereich:

Systemische Beratung richtet sich an Menschen ohne klinische Diagnose, die Unterstützung bei Alltagsfragen, Lebensübergängen oder beruflichen Herausforderungen suchen. Sie ist niedrigschwellig und präventiv ausgerichtet.

Systemische Therapie ist ein von der Kassenärztlichen Vereinigung und dem Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie anerkanntes psychotherapeutisches Verfahren (Anerkennung 2019) und darf bei psychischen Erkrankungen eingesetzt werden.

Beide Bereiche lassen sich in anerkannten Ausbildungen erlernen – am ABIS Institut in Leipzig seit 1992.

 

ABIS Institut Leipzig – systemische Ausbildung seit 1992

Das ABIS Institut ist Ihr Partner für systemische Aus- und Weiterbildung in Leipzig und der DACH-Region. Wir bieten SG-anerkannte Ausbildungen in systemischer Beratung, systemischer Therapie und systemischer Supervision – berufsbegleitend, praxisnah, von erfahrenen Lehrtrainerinnen begleitet.

Nächste Schritte:

  • Unverbindliches Kennenlerngespräch vereinbaren
  • Infotag zur systemischen Ausbildung besuchen
  • Unser Ausbildungsprogramm herunterladen

📍 ABIS Institut für Systemische Kompetenz | Leipzig 🌐 www.abis-in-leipzig.de

Wenn Sie wissen möchten, ob das der richtige Weg für Sie ist: Kommen Sie in einen unserer Infoabende. Kostenlos. Unverbindlich. Mit echten Antworten auf echte Fragen.

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