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Was ist systemische Supervision? Ein Leitfaden für Fachkräfte

Was ist systemische Supervision? Ein Leitfaden für Fachkräfte

ABIS Institut für Systemische Kompetenz Leipzig

 

Sie haben einen Fall im Kopf. Schon seit Wochen. Die Klient:in, die Situation, das Team – irgendetwas läuft nicht rund, und Sie wissen nicht genau warum. Sie arbeiten professionell. Sie sind ausgebildet. Und trotzdem hängt da etwas fest.

Genau dafür ist Supervision.

 

Supervision gehört dazu – genauso wie Fortbildung

Wer mit Menschen arbeitet, braucht den Blick von außen. Das ist heute in vielen psychosozialen Arbeitsfeldern einfach Standard. Nicht weil etwas schiefläuft. Sondern weil Professionalität genau das bedeutet: die eigene Arbeit regelmäßig zu reflektieren.

Supervision ist professionelles Selbstverständnis. Die Ärztin, die ihre Diagnosen reflektiert. Der:die Sozialarbeiter:in, der:die seine:ihre Beziehung zu einer schwierigen Klient:in unter die Lupe nimmt. Die Teamleiterin, die merkt, dass ihre Reaktionen auf bestimmte Mitarbeitende mehr mit ihr selbst zu tun haben als mit dem:der Mitarbeitenden.

Und wir sehen es in unserer eigenen Arbeit: Teams, die wir über längere Zeit supervisorisch begleiten, zeigen weniger Burnout, weniger Konflikte, eine spürbar bessere Atmosphäre. Das ist kein Zufall. Supervision schafft einen Raum, in dem das entsteht, was im Alltag zu kurz kommt: echter Austausch, ehrliche Reflexion, getragene Entscheidungen.

 

Was Supervision eigentlich tut

Heidi Neumann-Wirsig, Lehrende Supervisorin SG, Autorin von neun Fachbüchern und Pionierin der systemischen Supervision in Deutschland, beschreibt es so: In der Supervision geht es immer um zwei Ebenen gleichzeitig.

Das Heimatsystem – also das Berufsfeld, das Team, die Klient:innen, die Situationen, über die Sie sprechen.

Und das Supervisionsgeschehen selbst – was zwischen Ihnen und der Supervisor:in gerade passiert, während Sie erzählen. Was Sie weglassen. Womit Sie beginnen. Welche Wörter Sie wählen.

Beides trägt Information. Beides wird genutzt.

Das macht systemische Supervision so wirkungsvoll. Sie schaut nicht nur auf das Problem. Sie schaut darauf, wie jemand über das Problem spricht. Und oft liegt die Lösung genau dort: in der Art, wie wir unsere eigene Geschichte erzählen.

Was das in der Praxis bedeutet, zeigt Heidi Neumann-Wirsig – Lehrtrainerin bei ABIS und Pionierin der systemischen Supervision in Deutschland:

Alle Videos und Clips unserer Lehrtrainer:innen →

 

Die drei Säulen professioneller Supervision

Neumann-Wirsig beschreibt in ihrem Buch „Jedes Mal anders" systemische Supervision auf der Basis von drei Professionalitätssäulen.

Theorie. Ohne theoretisches Fundament ist Supervision Ratgeben. Die systemische Supervisor:in kennt Konzepte: Systemtheorie nach Niklas Luhmann, Konstruktivismus nach Heinz von Foerster, Musterunterbrechung, Kontextklärung, Rollen- und Auftragsanalyse. Diese Konzepte sind keine akademische Dekoration. Sie sind Orientierungsrahmen, die helfen, im Gespräch zu navigieren.

Rolle. Wer bin ich in diesem Gespräch? Fachexpert:in? Prozessbegleiter:in? Neutrale Beobachter:in? Die systemische Supervisor:in kennt ihre Rolle – und wechselt sie bewusst. Sie ist keine Ratgeber:in, keine Therapeut:in, kein Coach. Sie hat einen eigenen Auftrag: die Supervisand:in dabei zu unterstützen, die eigene Professionalität zu schärfen.

Interventionen. Das Handwerk. Systemische Fragen, Skulpturarbeit, Reflecting Team, Systemzeichnungen, Arbeit mit Metaphern und inneren Anteilen. Der Werkzeugkoffer ist groß – aber nicht jedes Werkzeug passt in jeden Moment. Die Kunst liegt darin zu erkennen, welches öffnet.

Die Grundlagen systemischen Arbeitens – Hypothetisieren, Zirkularität, Neutralität – beschreibt unser Leitfaden zur systemischen Beratung ausführlich. Die Supervision baut darauf auf und vertieft es im beruflichen Kontext.

 

Systemisch, lösungsorientiert, hypnosystemisch

Systemische Supervision ist keine monolithische Schule. Sie arbeitet mit mindestens drei Ansätzen, die sich ergänzen.

Der lösungsorientierte Ansatz fragt nicht nach Ursachen. Er fragt nach Ausnahmen. Wann lief es schon einmal anders? Was hat damals geholfen? Was ist schon da, das genutzt werden könnte? Die Fragen der lösungsorientierten Supervision stärken das Handlungsgefühl. Sie machen aus einem Menschen, der ein Problem beschreibt, jemanden, der Ressourcen entdeckt.

Der systemisch-konstruktivistische Ansatz fragt nach Wechselwirkungen. Nicht: Was hat Person A Person B angetan? Sondern: Wie beeinflusst das Verhalten von A das Verhalten von B – und wie wirkt das auf A zurück? Diese zirkuläre Perspektive macht Schuldzuschreibungen überflüssig. Und öffnet Handlungsspielräume, die vorher unsichtbar waren. Wie systemisch-konstruktivistisches Denken in der Familientherapie konkret aussieht, zeigt unser Praxisleitfaden systemische Familientherapie →

Der hypnosystemische Ansatz – entwickelt von Gunther Schmidt und integriert in die systemische Supervisionsarbeit – bezieht die inneren, unwillkürlichen Prozesse ein. Was passiert körperlich, wenn Sie an diesen Fall denken? Welche Bilder tauchen auf? Welche Überzeugungen laufen im Hintergrund? Diese Ebene ist mächtig. Und wird in klassischer Supervision oft übersehen.

 

Einzeln, in der Gruppe, im Team

Supervision gibt es in drei Settings – und alle drei sind sinnvoll, je nach Kontext und Thema.

Einzelsupervision ist die intensivste Form. Vier Augen. Kein Publikum. Themen, die zu persönlich sind für die Gruppe. Fragen, die eng mit der eigenen Berufsbiografie zusammenhängen. Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene.

Gruppensupervision bringt mehrere Supervisand:innen zusammen, die nicht im selben Team arbeiten. Das Besondere: Alle lernen voneinander, ohne voneinander abhängig zu sein. Jede:r bringt einen Fall mit. Und erlebt, wie andere Fachkräfte auf ähnliche Themen stoßen. Das normalisiert. Und es öffnet Perspektiven, die die Supervisor:in allein nicht liefern könnte.

Teamsupervision ist das anspruchsvollste Setting. Das Team ist gleichzeitig die Supervisand:in und das System, das beobachtet wird. Kommunikationsmuster, Rollenverteilungen, unausgesprochene Konflikte, kollektive blinde Flecken – das alles wird sichtbar, wenn ein ganzes Team gemeinsam reflektiert. Und wenn es gut gemacht ist, verlässt das Team gestärkt, nicht gespalten.

 

Was systemische Supervision nicht ist

Kein Coaching. Coaching fokussiert auf Ziele und Entwicklung. Supervision fokussiert auf die berufliche Rolle und die professionelle Beziehung zu Klient:innen, Systemen und der eigenen Berufsidentität. Den Unterschied und was systemisches Coaching ausmacht, erläutern wir auf der Seite zur Coaching-Ausbildung →

Keine Therapie. Supervision arbeitet mit dem:der Professionellen, nicht mit der Privatperson. Wenn persönliche Themen auftauchen – und das tun sie –, zeigt eine gute Supervisor:in die Grenze. Und benennt sie. Wer den Schritt in Richtung systemische Therapie gehen möchte, findet dazu alle Informationen in unserem Aufbaukurs Systemische Therapie →

Keine Fachberatung. Die Supervisor:in gibt keine Antworten auf inhaltliche Fachfragen. Was tun wir mit dieser Klient:in? Was ist die richtige Intervention? Das ist nicht der Auftrag der Supervision. Ihr Auftrag ist die Reflexion, nicht die Lösung.

Kein Managementinstrument. Supervision arbeitet im Vertrauensraum. Was dort besprochen wird, bleibt dort. Wer Supervision als Kontrollinstrument einsetzt, zerstört genau das, was sie wirksam macht.

 

Wann Supervision besonders wirksam ist

Supervision entfaltet ihre Wirkung an ganz bestimmten Stellen.

Wenn Sie merken, dass bestimmte Klient:innen, Situationen oder Themen immer wieder etwas in Ihnen auslösen, das nichts mit dem Fall zu tun haben kann. Wenn Sie sich fragen, ob Sie in einem Fall noch professionelle Distanz haben. Wenn Sie feststecken, ohne zu wissen warum. Wenn ein Team in alte Muster zurückfällt, obwohl alle wissen, wie es besser ginge. Wenn Sie kurz vor oder in der Mitte eines Burnouts stehen und merken, dass Sie Ihren Beruf gerade nicht mögen.

Das sind keine Zeichen von Scheitern. Das sind Einladungen zur Reflexion.

 

Supervision und die KPU

Am ABIS arbeiten wir in der Supervision genauso wie in der Beratung: mit der konsequent positiven Unterstellung.

Das bedeutet: Wir gehen davon aus, dass jede Fachkraft, die in die Supervision kommt, alles mitbringt, was sie braucht. Manchmal ist es verdeckt. Manchmal braucht es jemanden, der die richtigen Fragen stellt. Aber die Antworten liegen in der Supervisand:in – nicht in der Supervisor:in.

Das klingt selbstverständlich. Es verändert trotzdem alles. Wer gespürt hat, wie es ist, in einem Gespräch so gesehen zu werden, vergisst das nicht. Was die KPU als Grundhaltung bedeutet, beschreiben wir ausführlich im Leitfaden systemische Beratung →

 

Systemische Supervision lernen: Die Ausbildung am ABIS

Wer systemische Supervision nicht nur erleben, sondern ausüben will, braucht eine fundierte Ausbildung.

Am ABIS bilden wir seit über dreißig Jahren systemische Supervisor:innen aus. SG-zertifiziert, berufsbegleitend, über zwei Jahre. Mehr als 2.500 Absolvent:innen haben ihren Weg durch unser Institut gemacht. Was uns dabei wichtig ist und wie wir Qualität verstehen, erläutern wir auf unserer Seite zur SG-Zertifizierung →

Der Abschluss ist bundesweit anerkannt. Der Aufbaukurs Systemische Supervision baut auf der Basisausbildung Systemische Beratung auf – und verbindet die Reflexionsfähigkeit der Supervision mit dem systemischen Handwerk, das Sie bereits mitbringen.

Heidi Neumann-Wirsig, Pionierin der systemischen Supervision in Deutschland und Autorin der Standardwerke des Fachgebiets, ist Lehrtrainerin bei ABIS. Sie bringt ein, was kein Lehrbuch ersetzen kann: jahrzehntelange Praxis, präzise Rückmeldung, Haltung. Lernen Sie unser gesamtes Lehrtrainer:innen-Team → kennen.

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Fördermöglichkeiten für die Ausbildung

Claudia Jänicke, Leiterin ABIS Institut für Systemische Kompetenz Leipzig, SG-zertifizierte Lehrtherapeutin, Supervisorin und Trainerin. Das ABIS Institut wurde 1992 gegründet und ist Mitglied der Systemischen Gesellschaft (SG).