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Psychische Störungen systemisch verstehen | Diagnosen in der systemischen Therapie

Psychische Störungen systemisch verstehen bedeutet, Diagnosen als Orientierung zu nutzen, ohne Menschen auf ihre Diagnose zu reduzieren. Der Beitrag zeigt, wie die systemische Therapie Diagnosen einordnet und welche Bedeutung Ressourcen, Beziehungen und neue Perspektiven in der Beratung haben.

Warum Diagnosen Orientierung geben und systemische Beratung dennoch weiterfragt

Diagnosen gehören zum Alltag vieler Fachkräfte im psychosozialen Bereich. Sie schaffen Orientierung, erleichtern die Zusammenarbeit verschiedener Professionen und können Betroffenen helfen, das eigene Erleben besser einzuordnen. Gleichzeitig werfen sie eine zentrale Frage auf: Wie gelingt es, diagnostisches Wissen zu nutzen, ohne Menschen auf ihre Diagnose zu reduzieren?

Mit diesem systemischen Blick auf psychische Störungen beschäftigten sich die Teilnehmenden unserer Weiterbildung Systemische Beratung (SG) im Seminar „Psychische Erkrankungen und Krisenintervention“. Im Mittelpunkt standen verschiedene psychische Erkrankungen, der professionelle Umgang mit Krisen und Suizidalität sowie die Frage, welche Rolle Diagnosen im Beratungsprozess spielen und wie eine systemische Haltung den Blick auf den Menschen erweitert.

Bereits zu Beginn zeigte sich, dass Diagnosen sehr unterschiedlich erlebt werden. Während einige Teilnehmende von Situationen berichteten, in denen Diagnosen Orientierung und Entlastung geschaffen hatten, schilderten andere Erfahrungen, in denen Menschen zunehmend auf ihre Diagnose reduziert wurden.

Aus dieser Diskussion entwickelte sich die Leitfrage, die den weiteren Verlauf der beiden Seminartage prägte:

Was bedeutet eine Diagnose eigentlich für die Beratung?

Diagnosen schaffen Orientierung…

… aber sie erzählen nie die ganze Geschichte

Eine der ersten Diskussionen im Seminar drehte sich um die Frage, welche Rolle Diagnosen in der Beratung eigentlich spielen. Schnell wurde deutlich, dass sie sowohl Chancen als auch Herausforderungen mit sich bringen.

Diagnosen können...

Orientierung schaffen

den Zugang zu therapeutischen Hilfen erleichtern

eine gemeinsame Sprache zwischen Fachkräften ermöglichen

Betroffene entlasten und das eigene Erleben verständlicher machen

Diagnosen können auch...

den Blick auf Ressourcen verengen

vorschnelle Schlussfolgerungen fördern

Erwartungen und Etikettierungen verstärken

Menschen auf einen Teil ihrer Geschichte reduzieren

Während der gemeinsamen Reflexion formulierte eine Teilnehmerin einen Gedanken, der den weiteren Verlauf des Seminars immer wieder begleitete:

Etikettierungen laden dazu ein, alles, was außerhalb der Diagnose möglich ist, wegzudenken. Die Systemik hilft dagegen vorzugehen – mit ihren Strategien, Möglichkeiten und Blickwinkeln.

Dieser Satz beschreibt einen zentralen Gedanken systemischer Beratung. Diagnosen liefern wichtige Informationen – sie erzählen jedoch nie die ganze Geschichte eines Menschen. Deshalb erweitert die systemische Perspektive den diagnostischen Blick um Fragen nach Beziehungen, Ressourcen und Lebenskontexten.

Im Seminar wurde dieser Perspektivwechsel anhand verschiedener Fallbeispiele immer wieder praktisch erprobt. Statt ausschließlich nach Symptomen zu fragen, rückten beispielsweise folgende Fragen in den Mittelpunkt:

  • Welche Fähigkeiten haben bisher geholfen?
  • Wer unterstützt den Menschen bereits?
  • Welche Beziehungen geben Halt?
  • Welche neuen Handlungsmöglichkeiten können entstehen?

Genau darin liegt der Unterschied zwischen einer rein diagnostischen und einer systemischen Perspektive: Die Diagnose bleibt wichtig – sie wird jedoch nicht zum Endpunkt der Betrachtung, sondern zum Ausgangspunkt für weitere Fragen.

Von der Diagnose zur Bedeutung: Systemische Haltung in der Praxis

Wie lässt sich diese Haltung nun konkret in der Beratung umsetzen?

Mit dieser Frage beschäftigten sich die Teilnehmenden anhand verschiedener Demonstrationen und Rollenspiele. Im Mittelpunkt stand dabei eine systemische Auftragsklärung rund um das Thema ADHS. Schnell wurde deutlich: Die Diagnose bildet zwar den Anlass für die Beratung – im Mittelpunkt steht jedoch der Mensch mit seiner individuellen Geschichte.

Statt vorschnell nach Erklärungen zu suchen, richtete sich der Blick auf Fragen wie:

  • Welche Erfahrungen verbindet die ratsuchende Person mit ihrer Diagnose?
  • Welche Bedeutung hat sie innerhalb der Familie?
  • Wie beeinflusst sie das Selbstbild?
  • Welche neuen Perspektiven können sich daraus ergeben?

So wurde erlebbar, wie systemische Beratung Diagnosen nicht ersetzt, sondern um den Blick auf Beziehungen, Kontexte und individuelle Bedeutungen erweitert.

Neue Perspektiven eröffnen: Reflecting Me in der Praxis

Eine besondere Erfahrung bot die Demonstration der Methode Reflecting Me. Dabei formulieren Beratende keine fertigen Erklärungen oder Bewertungen. Stattdessen entstehen wertschätzende Hypothesen, die neue Perspektiven eröffnen und dazu einladen, die eigene Geschichte aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Eine im Seminar entwickelte Hypothese lautete:

„Ich habe verstanden, dass Herr M. in einem sehr geradlinigen Familiensystem aufgewachsen ist – mit einer Berufsausbildung, einer festen Partnerschaft und einem Wohnort. Er scheint sich mit seiner Wechselfreudigkeit hinsichtlich Berufstätigkeit und Wohnform deutlich davon zu unterscheiden. Ich frage mich, ob er anders auf das ADHS blicken würde, wenn ihm einige Familienmitglieder ähnlich kreativ-chaotisch wären.“

Die Hypothese erhebt dabei keinen Anspruch auf Wahrheit. Sie eröffnet einen Denkraum. Vielleicht verändert sie den Blick auf die Diagnose – vielleicht macht sie aber auch deutlich, dass es weitere Erklärungen geben könnte. Genau darin liegt die Stärke systemischer Beratung: Nicht vorschnell Antworten zu liefern, sondern Möglichkeiten zu eröffnen.

Was wir als Berater*innen mitnehmen

Fachwissen allein macht noch keine gute Beratung aus. Erst im gemeinsamen Austausch, in praktischen Übungen und durch die Reflexion der eigenen Haltung entsteht der Transfer in die Praxis. Genau deshalb spielte der Dialog während der beiden Seminartage eine zentrale Rolle.

Ein Teil der Gruppenarbeiten fand bewusst außerhalb des Seminarraums statt. Im Grünen wurden Diskussionen aus den Rollenspielen weitergeführt, Erfahrungen ausgetauscht und unterschiedliche Perspektiven zusammengetragen. Gerade bei Themen wie psychischen Erkrankungen, Krisenintervention oder Suizidalität zeigte sich, wie wertvoll die Vielfalt beruflicher Hintergründe in der Gruppe ist. Oft waren es nicht die fertigen Antworten, sondern die unterschiedlichen Sichtweisen, die neue Denk- und Handlungsmöglichkeiten eröffneten.

Aus diesen Gesprächen entwickelte die Gruppe zentrale Erkenntnisse für die eigene Beratungspraxis:

Was wir als Berater*innen mitnehmen

  • Den „Elefanten im Raum“ ansprechen, statt schwierige Themen zu umgehen.
  • Emotionen der Klient*innen aushalten, ohne sie vorschnell lösen zu wollen.
  • Auch in belastenden Situationen die Verantwortung für den Beratungsprozess behalten.
  • Die eigene Mimik, Gestik und Sprache bewusst reflektieren.
  • Bewertungen zurückstellen und offen für neue Perspektiven bleiben.

Diese Learnings wurden nicht vermittelt – sie wurden gemeinsam erarbeitet. Genau darin zeigt sich für uns ein wesentlicher Bestandteil systemischen Lernens: Fachwissen gewinnt erst dann an Bedeutung, wenn es mit persönlicher Reflexion, praktischer Erfahrung und dem Austausch mit anderen verbunden wird.

Was bleibt für die Beratungspraxis?

Nach zwei intensiven Seminartagen stand für viele Teilnehmende nicht eine neue Methode oder ein diagnostisches Modell im Mittelpunkt. Vielmehr entwickelte sich ein differenzierterer Blick auf die eigene Rolle als Berater*in – und auf die Frage, welche Bedeutung Diagnosen im Beratungsprozess tatsächlich haben.

Eine Teilnehmerin brachte diese Erkenntnis am Ende des Seminars mit einem Satz auf den Punkt:

„Lernen bedeutet nicht nur Wissen zu sammeln, sondern auch Haltung zu entwickeln.“

Vielleicht beschreibt genau dieser Gedanke den Kern systemischer Beratung. Diagnosen liefern wichtige Informationen und gehören zu einer verantwortungsvollen Beratung selbstverständlich dazu. Die systemische Haltung erweitert diesen Blick jedoch um die Lebensgeschichte, Beziehungen, Ressourcen und Entwicklungsmöglichkeiten eines Menschen.

Damit beantwortete das Seminar auch die Leitfrage, die sich wie ein roter Faden durch die beiden Tage zog:

Was bedeutet eine Diagnose für die Beratung?

Die Antwort fiel differenziert aus: Diagnosen schaffen Orientierung – sie dürfen jedoch nie zum Endpunkt unseres Verstehens werden. Sie sind der Ausgangspunkt für weitere Fragen, neue Perspektiven und eine Beratung, die den Menschen in seiner ganzen Komplexität wahrnimmt.

Zum Mitnehmen

Psychische Erkrankungen, Diagnosen und Krisenintervention gehören heute selbstverständlich zum Arbeitsalltag vieler Fachkräfte im psychosozialen Bereich. Umso wichtiger ist es, Diagnosen fachlich einordnen zu können und gleichzeitig den Menschen hinter der Diagnose nicht aus dem Blick zu verlieren. Genau hier setzt die systemische Beratung an: Sie verbindet diagnostisches Wissen mit einem ressourcenorientierten Blick auf Beziehungen, Lebenskontexte und Entwicklungsmöglichkeiten.

Die beiden Seminartage haben gezeigt, dass diese Haltung nicht allein durch Fachliteratur oder Methoden entsteht. Sie entwickelt sich im gemeinsamen Lernen, in der Reflexion eigener Erfahrungen und im Austausch unterschiedlicher Perspektiven. Genau diese Verbindung aus wissenschaftlicher Fundierung, praktischer Anwendung und persönlicher Entwicklung prägt unsere Weiterbildung Systemische Beratung (SG) am ABIS Institut.

Vielleicht lässt sich die wichtigste Erkenntnis dieses Seminars deshalb in einem Satz zusammenfassen:

Diagnosen helfen uns zu verstehen, was ein Mensch erlebt. Die systemische Haltung hilft uns, den Menschen dahinter nicht aus dem Blick zu verlieren.

Literaturauswahl der im Seminar verwendeten Literatur

von Schlippe, A., & Schweitzer, J. (2022). Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I: Das Grundlagenwissen(4., überarb. und erw. Aufl.). Vandenhoeck & Ruprecht.

von Schlippe, A., & Schweitzer, J. (2022). Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung II: Das störungsspezifische Wissen (4., überarb. und erw. Aufl.). Vandenhoeck & Ruprecht.

World Health Organization. (o. D.). International Classification of Diseases 11th Revision (ICD-11).https://icd.who.int/

Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie e. V. (DGSF). (o. D.). DGSF.https://www.dgsf.org/

Systemische Gesellschaft e. V. (SG). (o. D.). Systemische Gesellschaft.https://systemische-gesellschaft.de/

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Die Auseinandersetzung mit psychischen Störungen ist nur ein Baustein systemischer Beratung. Im ABIS Campus finden Sie weitere Fachartikel, Impulse und Vertiefungen rund um systemisches Denken, Beratung und persönliche Entwicklung.

 

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Die Inhalte dieses Artikels sind Bestandteil unserer Weiterbildung Systemische Beratung (SG). Dort beschäftigen sich die Teilnehmenden intensiv mit dem systemischen Blick auf psychische Störungen, Krisenintervention, systemischer Haltung und vielen weiteren Themen, die für eine professionelle Beratungspraxis relevant sind.

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